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Zur EM: Von Nationalismus, Patriotismus und Fahnen

Sicher hat der ein oder andere schon mitbekommen, dass die Grüne Jugend Rheinland-Pfalz die Fußballfans dazu aufforderte, zur EM auf Fahnen und Nationalfarben zu verzichten. Ihr Argument: Das steigere Nationalismus und Patriotismus, führe dadurch zu Ausgrenzung, Feindbildern und Aggressionen. Die Reaktionen im Netz waren heftig, teilweise strafrechtlich relevant – und die Grünen sehen sich dadurch bestätigt. Doch was ist dran?
jugend
Das ist der besagte Facebook-Eintrag, mit der Hauptaussage klar erkennbar in einem passenden Bild. Die Reaktionen sind vielfältig, doch die Mehrheit lehnt eine derartige Interpretation ab. Selbst die Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bundestag, Katrin Göring-Eckardt, dürfte nicht ganz einverstanden sein, wenn man sich ihre Tweets zur EM anschaut:

Die Grüne Jugend hält aber an ihrer Sichtweise fest, wie man zum Beispiel im Interview nachlesen kann, welches Kevin Hagen von SPIEGEL Online mit deren Sprecherin Jamila Schäfer geführt hat.

Was hat es also auf sich mit Nationalismus und Patriotismus?

Definitionen in wissenschaftlichen Nachschlagewerken finden

Zunächst braucht es Definitionen: Was ist das jeweils, und was ist der Unterschied? Eine erste Anlaufstelle für eine wissenschaftliche Definition sind Online-Lexika, wie man sie beispielsweise auf der Seite der Bundeszentrale für politische Bildung findet.

Das Politiklexikon fasst den Begriff Nationalismus wie folgt zusammen:

N. bezeichnet eine Ideologie, die die Merkmale der eigenen ethnischen Gemeinschaft (z. B. Sprache, Kultur, Geschichte) überhöht, als etwas Absolutes setzt und in dem übersteigerten (i. d. R. aggressiven) Verlangen nach Einheit von Volk und Raum mündet.

(Eine einfachere, ausführlichere Version findet sich im „jungen Politik-Lexikon„.)

Wir halten fest: Nationalismus ist eine Ideologie, also eine Weltanschauung, und beschreibt eine ethnische Gemeinschaft und deren Überhöhung. (Das Verlangen nach Einheit von Volk und Raum ist für uns irrelevant, da ein deutsches Land bereits existiert und eine erneute Angliederung Österreichs wohl unwahrscheinlich ist.) Ein einfaches Beispiel für Nationalismus ist es also, wenn man fest daran glaubt, dass die eigene Gemeinschaft – hier: das eigene Land – in allen Belangen besser ist als der Rest.

Nun zum Patriotismus, wie er im Politiklexikon definiert wird:

P. bezeichnet eine besondere Wertschätzung der Traditionen, der kulturellen und historischen Werte und Leistungen des eigenen Volkes. In einem negativen Sinne kann P. zu nationaler Arroganz, Chauvinismus und übersteigertem Nationalismus führen (Hurra-P.). Im positiven, zeitgemäßen Sinne kann P. als Bekenntnis zu den demokratischen Grundlagen der Gesellschaft und zur Verteidigung der Grund- und Menschenrechte (Verfassungs-P.) verstanden werden.

Interessant ist die Teilung in negative, aber auch positive Folgen. Das liegt daran, dass die „Wertschätzung von Traditionen“ und anderen Errungenschaften zunächst etwas Positives ist.

Identität durch Alterität

In der Geschichtswissenschaft geht es oft um das Ergründen und Hinterfragen von Ereignissen. Dazu gehört auch die Entstehung von Staaten und Völkern. Wenn die Grünen von Überhöhung des Eigenen bei gleichzeitiger Ausgrenzung des Anderen sprechen, dann ist dies ein uralter Vorgang. Es geht dabei um die hochphilosophische Frage: Wer bin ich? Wie definiere ich mich? Eine Möglichkeit dafür ist eben die Abgrenzung von anderen, was ständig in der Geschichte zu finden ist. Völker nutzten schon immer Mythen und Legenden, um ihre Herkunft zu erklären und sich gleichzeitig von anderen abzugrenzen. „Ich spreche eine andere Sprache und habe andere Traditionen als du, also gehörst du nicht dazu.“ Hier geht es weniger darum, den anderen auszugrenzen, als vielmehr die eigene Identität zu erkennen und zu definieren. Solche Abgrenzungen können auch künstlich geschaffen sein, indem man absichtlich andere Traditionen verfolgt, um sich bzw. andere auszugrenzen. Der andere wird dies genauso tun. (Vgl. dazu Hans-Joachim Gehrke (Hg.): Geschichtsbilder und Gründungsmythen, Würzburg 2001.)

Natürlich leben wir heute in einer offeneren Gesellschaft und haben dies nicht mehr nötig. Doch ein völliges Fehlen von Identitätsstiftung wäre fatal. Wir Menschen sind nunmal so veranlagt, dass wir Identität suchen. Diese muss ja nicht negativ sein. Einige der Tugenden, die als typisch „deutsch“ gelten, sind durchaus erstrebenswert: Fleiß, Disziplin, Pünktlichkeit, Genauigkeit. Das mögen Stereotypen sein, doch so funktionieren eben Gesellschaften. Das kann Politik nicht ändern. Kluge Politik sollte das vielmehr ausnutzen, um die Gesellschaft in positive Bahnen zu lenken. Gerade in Zeiten von massenhafter Einwanderung wäre ein Aufgeben der eigenen Identität ein Fehler. Menschen brauchen Halt und Strukturen, erst recht wenn sie aus instabilen Kriegsgebieten kommen – vor allem Kinder. Eine fehlende eigene Tradition und Identität, ohne Nationalgefühl, würde diese Menschen hilflos lassen. Woran sollen sie sich orientieren? Wir fordern Integration, aber wie soll man sich in die Beliebigkeit integrieren? Das machen andere Länder erfolgreicher vor: Niemand wandert in die USA aus, weil dort die Sozialsysteme so toll funktionieren. Man identifiziert sich eher mit dem „way of life“. Identität ist nach innen ein integrativer Faktor, also das Gegenteil von Ausgrenzung.

Fahnen als Symbole

Ich bringe gerne im Geschichtsunterricht Fahnen ins Spiel, da sie zunächst Symbole sind, denn dafür wurden sie schließlich erschaffen: als Mittel zur schnellen, visuellen Identifizierung; man denke dabei nur an die Fahnen und Wappen im Mittelalter. Wie sollte man auch sonst wissen, ob ein Krieger Freund oder Feind war? Die Gleichsetzung Fahne = Patriotismus/Nationalismus ist also etwas zu voreilig, denn das ist nicht der wirkliche Sinn einer Fahne.

Die Farben Schwarz-Rot-Gold

Natürlich wären sich alle einig, dass das Schwenken von Hakenkreuzfahnen eindeutig problematisch wäre (abgesehen davon, dass es ohnehin eine Straftat wäre). Aber es geht hier ja um Schwarz-Rot-Gold. Diese Farben haben ebenfalls eine Symbolik, aber eben eine andere als das Hakenkreuz – nämlich das Gegenteil. Dafür lohnt sich ein Blick auf die beiden Traditionen dieser Farben.

Kaiser_Heinrich_VI._im_Codex_Manesse
Kaiser Heinrich VI. im „Codex Manesse“, um 1300.

Die ältere Tradition lässt sich bis in die Antike verfolgen, nämlich zum Römischen Reich. Dessen Wappentier war der Adler – genau wie auch heute das Wappen der Bundesrepublik ein Adler ist. Das ist kein Zufall: Nach dem Untergang des Römischen Reiches gegen Ende der Antike entstand im Mittelalter ein „Nachfolger“ in Form des Heiligen Römischen Reiches – das übrigens nie „Deutsches Reich“ hieß, dieser Begriff gilt erst ab 1871! Dieses Reich umfasste größtenteils das heutige Deutschland und führte als Wappen den Adler fort. Die Farbgebung war dabei einfach pragmatisch: Schwarz und Gold waren gebräuchliche Farben für Wappen. Im Spätmittelalter kamen dann noch die roten Krallen hinzu. Besonders ab der Zeit der Staufer, also ab dem 13. Jahrhundert, ist dieses Wappen häufig zu sehen.

Wichtiger ist aber die neuzeitliche Tradition der Farben. Eine erste Verwendung als eine Art „Nationalfarben“ findet sich in Form von Uniformen. Napoléons Siege in Europa um 1800 führten im Jahre 1806 zur Abdankung des Kaisers und damit zur Auflösung des Heiligen Römischen Reiches. Zwar sahen sich die Menschen als Untertanen ihrer jeweiligen Fürsten, also als Kurpfälzer, Württemberger, Preußen etc. Doch der Untergang des Reiches war ein herber Schlag, zumal Napoléon die Landkarte komplett umkrempelte. Ab 1813 begannen die europäischen Mächte die sogenannten „Befreiungskriege“ gegen Napoléon. Mit dabei: Freiwilligenverbände aus Preußen, bekannt als das Lützowsche Freikorps. Auch wenn nicht ganz klar ist, ob die Bundesfarben tatsächlich darauf zurückzuführen sind, steht immerhin fest, dass die Uniformen Schwarz-Rot-Gold waren. Wieder ist Pragmatismus der Grund für die Farbgebung: Die Männer waren Freiwillige und nicht Teil einer regulären, vom Staat ausgestatteten Armee, hatten also keine Uniform. Um einheitliche Kleidung zu haben, färbten sie ihre Sachen Schwarz, weil das am einfachsten war. Ihre Knöpfe waren aus goldenem Messing, als farbliche Abhebung gab es rote Verzierungen. Hier wurden die Farben erstmals zur Identitätsstiftung genutzt, und zwar in dem Sinne, wie die Grüne Jugend es ankreidet: als Abgrenzung gegen andere. Allerdings ist das ja auch der Sinn von Uniformen.

Diese Tradition setzte sich in den Folgejahren fort. Es gab schließlich kein „Vaterland“ mehr, doch die Sehnsucht nach einer Nation war groß. Im 19. Jahrhundert ist es daher völlig legitim, von Nationalismus zu sprechen, wie es oben genannter Definition entspricht. Es gab ein relativ homogenes Volk, das sich als solches sah, aber über keinen eigenen Staat verfügte. Nationalistische Tendenzen waren daher verbreitet. Die Fürsten sahen das nicht gern, da sie um ihre Macht fürchteten. Ein König von Bayern war zum Beispiel souverän in seinem Land und konnte absolut herrschen. Klar, dass er sich nicht einem König oder Kaiser von Deutschland unterordnen wollte. Der Nationalismus vieler Bevölkerungsteile war aber nicht zu bremsen. Schon die Studenten, die ebenfalls Teil der Freikorps waren, traten beim Wartburgfest 1817 mit entsprechenden Farben an. Auch beim Hambacher Fest 1832 wurden schwarz-rot-goldene Fahnen geschwenkt.

Paulskirche
Das Innere der Frankfurter Paulskirche zur Nationalversammlung 1848/49.

Die Farben gewannen Bedeutung als Symbol für ein Deutschland, das die Menschen forderten. Weil sie sich dieses Deutschland als Republik wünschten, wurde die Fahne aber auch zu einem Symbol für Freiheit und Demokratie. Auch heute noch heißt es in unserer Nationalhymne – die ja aus dieser Zeit stammt – „Einigkeit und Recht und Freiheit“. Das waren die Forderungen der Nationalisten, die schließlich in der Revolution von 1848 mündeten. Nachdem jahrzehntelang nichts geschehen war, versuchten die Menschen, eine einheitliche Republik gewaltsam zu erzwingen. Auch wenn das nicht gelang, so zwangen sie immerhin die Fürsten, eine verfassungsgebende Nationalversammlung einzuberufen. Die sogenannte Paulskirchenversammlung beschloss dann auch 1849 eine erste deutsche Verfassung, doch nachdem der preußische König den Kaisertitel ablehnte, wurden die Reste der Revolution gewaltsam niedergeschlagen und die alte Ordnung wiederhergestellt.

Die Farben und Ideale des 19. Jahrhunderts waren aber nicht vergessen. Es dauerte 70 Jahre, doch nach dem Ende des 1. Weltkrieges sah man in die Vergangenheit und suchte eine demokratische Tradition. Diese fand man in der Revolution von 1848. Die erste gesamtdeutsche Demokratie, die erste deutsche Republik, die 1919 gegründet wurde, gab sich Schwarz-Rot-Gold als Fahne; Einheit, Recht und Freiheit waren endlich umgesetzt.

Es ist bezeichnend, dass die Nationalsozialisten zu Beginn ihrer Herrschaft diese Farben sofort absetzten. Für sie waren die freiheitlichen Ideale der Revolution Gift, gleichzusetzen mit Judentum und allem sonstigen, was sie hassten. Ein Führerstaat kann nunmal keine Freiheit und Gleichheit dulden. Nationalismus ja, aber die „deutschen Farben“ kamen für Hitler nicht in Frage. Erst mit Gründung der Bundesrepublik 1949 – genau 100 Jahre nach Verkündung der Paulskirchenverfassung – wurden die Farben rehabilitiert. Die erste Flagge mit diesen Farben, die gehisst wurde, war mehr schlecht als recht zusammengeflickt. Ein bescheidener Neuanfang für eine bescheidene Republik.

Fazit

Warum also diese Fahne ablehnen? Es handelt sich um Farben, die für die Ideale der Französischen Revolution stehen: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Die Grund- und Menschenrechte beruhen auf diesen Ideen. Ist das nicht etwas, auf das man stolz sein kann? Was hat das mit Nationalismus zu tun?

Sicher, nicht jeder kennt die Bedeutung der Farben. Die Konsequenz sollte daher sein, die Leute aufzuklären. Wahrscheinlich wissen mehr Leute, was die 13 Streifen und 50 Sterne auf der Flagge der USA bedeuten, als dass sie etwas zu Schwarz-Rot-Gold wüssten. Dabei stehen diese Farben für so viel mehr als nur ein Land. Es ist nicht die Schuld der Fahne und ihrer Farben, dass sie missbraucht werden kann. Es ist einfach mangelndes Wissen über deren Symbolik. Ein Nationalist im negativen Sinne würde sich selbst widersprechen, wenn er die Farben von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit für seine Zwecke nutzen wollte. Ein Neonazi schwenkt nicht Schwarz-Rot-Gold.

Ist Patriotismus immer schlecht? Es kommt wohl auf den Zusammenhang an. Ein Pauschalurteil ist einfach Unsinn. Wenden wir die Definition auf die Geschichte der Farben an, so kann ich sehr wohl stolz auf die Errungenschaten der Vorkämpfer für Freiheit und Gleichheit sein, was spätestens seit Gründung der BRD umgesetzt wurde. Darauf folgte schließlich eine einmalige Erfolgsgeschichte, vom Wirtschaftswunder bis zu einer der führenden Exportnationen heute. Man kann auf diese Dinge stolz sein, auch ohne andere schlecht zu machen. Das gilt ja auch persönlich: Wenn ich eine tolle Leistung vollbracht habe, darf ich mich darüber freuen. Ich sollte aber auch so fair sein, mich nicht über Niederlagen anderer lustig zu machen. Es geht also um eine Balance, um Fairness.

Das ist gerade im Sport und bei Wettkämpfen ständig gefragt und hat zunächst nichts mit Nationen zu tun. Hier geht es um Menschen und deren Erfolge. Wenn andere sich für sie mitfreuen, dann ist das etwas positives. Negativ ist es erst dann, wenn Fans anfangen, andere für eine Niederlage zu beleidigen, überheblich werden und zu Aggressionen übergehen. Wozu das führt, hat man erst vor ein paar Tagen beim EM-Spiel Russland gegen England gesehen. Die Mehrheit der Menschen ist sich bestimmt einig, dass dieses Verhalten verachtenswert ist (außer der russische Parlaments-Vizepräsident, der schrieb: „Ich kann nichts Schlimmes an kämpfenden Fans finden. Im Gegenteil, gut gemacht Jungs. Weiter so!“). Natürlich ist der Auslöser dafür, dass die Fans aus verschiedenen Ländern kommen. Aber sie sind nicht in der Lage, den sportlichen Wettkampf ihrer Mannschaften als solchen zu sehen – so wie das der Rest der Welt sieht.

Deutschland ist ein Einwanderungsland, das ist ein simpler Fakt, dem sich alle stellen sollten. Wir müssen den Menschen, die zu uns kommen, eine Identität gegenüberstellen, an der sie sich orientieren können. Dies ist kein unbewohntes Land, und wir sind auch keine traditions- und kulturlosen Bewohner. Das Verleugnen der eigenen Identität ist ein zutiefst psychisches Problem, das krankhaft werden kann. Was wir brauchen ist ein gesundes Verhältnis zu unserem Land und dessen Geschichte. Im Aufarbeiten der Grausamkeiten waren wir in der Menschheitsgeschichte einmalig akribisch und genau – so gut, dass die Generation der Nachkriegsgeborenen in eine Identitätskrise gestürzt wurde, im Konflikt mit der Elterngeneration und dem Heimatland.

Gerade jetzt, wo so viele Menschen zu uns kommen, wo das Bewusstsein für historische Ereignisse, Krieg, Vertreibung und deutsche Teilung nicht mehr in den nachfolgenden Generationen präsent ist, braucht es Identitätsstiftung – und sei es eben das Fahnenschwenken alle zwei Jahre bei einem Fußballturnier. Die Grünen sollten auch mal stolz sein dürfen auf unser Land: wo sonst sieht man so viele Autos mit Schwarz-Rot-Gold, flankiert von einer türkischen oder italienischen Flagge? Ist das gemeinsame Feiern nicht ein Gewinn und ein großer Vertrauensbeweis?

Bildquellen:

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