Zeitgeschehen

Deutschland & Russland: das Schicksal der Kriegsgefangenen

Zur Abwechslung gibt es auch mal gute Nachrichten, die aber zwischen Fußball, Brexit und Weltproblemen gern untergehen. Außenminister Frank-Walter Steinmeier und der russische Außenminister Sergej Lawrow haben eine gemeinsame Erklärung abgegeben. Das Ziel: ein „Projekt zur Suche und Digitalisierung von Archivunterlagen“, um noch ungeklärte Schicksale von Kriegsgefangenen beider Seiten zu klären.

Das ist unendlich wichtiger als der kurzzeitige Streit um irgendein NATO-Manöver, das in ein paar Wochen eh wieder jeder vergessen hat. Das Schicksal von Millionen von Gefangenen und Verstorbenen aufzuklären hilft dabei, zukünftige Fehlentwicklungen zu verhindern. Der Zweite Weltkrieg war einmalig in seiner Grausamkeit und Rücksichtslosigkeit – nicht nur durch, aber eben angezettelt von den Deutschen. Umso wichtiger ist es, dass sich die Nachkriegsgenerationen nun mit entsprechender Unterstützung durch die Politik der Aufarbeitung von individuellen Geschichten widmen können. Schließlich sind Millionen von Familien betroffen, auf beiden Seiten.

Erst die Beschäftigung mit dem Leid unserer Vorfahren ermöglicht es uns, das Glück und die Freiheit der Gegenwart in die richtige Perspektive zu rücken. Das merkt man auch im Unterricht: Die simple Tatsache, dass wir in einer einmaligen, kriegsfreien Zeit leben, löst oft Erstaunen bei den Schülern aus. Wir nehmen es einfach als selbstverständlich hin, dass wir nicht jeden Moment fürchten müssen, von Franzosen, Briten oder Russen angegriffen zu werden. Dabei ist die europäische Geschichte voll von Kriegen. Allein seit der Französischen Revolution hat es in jeder Generation Kriege oder gar Bürgerkriege gegeben:

  • um 1800 die Kriege gegen Napoléon
  • kurz darauf in Deutschland (und anderen Ländern) blutige Aufstände um Mitbestimmung
  • um 1848/49 Bürgerkriege in den Städten und im Südwesten zwischen Militär und Republikanern
  • der Deutsch-Dänische Krieg 1864
  • der Deutsche Krieg 1866, ebenfalls ein Bürgerkrieg, in den fast alle deutschen Länder samt ihrer ausländischen Verbündeten verwickelt waren
  • der Deutsch-Französische Krieg 1870/71
  • nach einer „langen“ Pause der Erste Weltkrieg 1914-1918
  • erneut blutige Revolutionen ab 1918/19 bis in die 1920er
  • Deutschlands Beteiligung am Spanischen Bürgerkrieg 1936-1939
  • der Zweite Weltkrieg 1939-1945 und das folgende Elend in ganz Europa

Seitdem sind nun 71 Jahre vergangen – ein einmaliger Rekord! So lange hatte es seit Jahrhunderten keinen Frieden in Mitteleuropa gegeben (wenn auch europäische Länder in auswärtige Kriege verwickelt waren). Uns ist gar nicht mehr bewusst, wie froh wir sein können, inmitten von Freunden zu leben, statt umzingelt von (vermeintlichen) Feinden.

Wir sollten uns diese simple Tatsache öfter vor Augen führen und auch Kindern und Jugendlichen klarmachen. Auch sollte man die Landkarte Europas anschauen, um diese Bedeutung zu erkennen. Unser Nachbar im Osten ist nämlich nicht Polen, das ebenso wie das Baltikum Teil der EU ist, sondern es ist Russland. Und zwischen Nachbarn sollte es keinen Krieg, sondern Kooperation geben, in beidseitigem Interesse.

Steinmeier hatte also durchaus Recht, als er klar Position zu NATO-Manövern bezog:

Was wir jetzt nicht tun sollten, ist durch lautes Säbelrasseln und Kriegsgeheul die Lage weiter anzuheizen. Wer glaubt, mit symbolischen Panzerparaden an der Ostgrenze des Bündnisses mehr Sicherheit zu schaffen, der irrt.

 

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