Allgemein, Technik

Alle Macht dem User: Android ohne Google!

Update (Januar 2018): Mittlerweile ist es durch das „microG Project“ komfortabler geworden, Google-Services zu ersetzen. Hier gibt es eine Erklärung dazu.

Der Akku von deinem Handy wird zu schnell leer, weil im Hintergrund Google-Dienste laufen und Strom fressen? Google-Dienste stürzen ab und nerven mit Fehlermeldungen? Du kannst keine Apps installieren, weil dein Speicher mit nutzlosen vorinstallierten Apps vollgestopft ist? Google hat sich viel zu tief ins System eingenistet und du willst vielleicht davon loskommen? Hier erfährst du, warum es überhaupt in Frage kommt, sich von Herstellern zu befreien, und wie man das anstellt.

Die Idee, das eigene Handy von Herstellern und Googles Datenzugriff zu befreien, ist natürlich nicht neu. Doch warum sollte man das überhaupt in Betracht ziehen? Dafür gibt es verschiedene Gründe. Ich möchte z.B. einfach so wenige Apps wie möglich auf meinem Handy, vor allem wenn sie im Hintergrund laufen. Aktueller Anlass waren die Google Play-Dienste, die mich über Nacht ca. 80% des Akkus gekostet haben. Zum Glück waren noch ein paar Prozent übrig, sodass wenigstens mein Wecker noch klingeln konnte. Weil aber auch Datenschutzgründe dafür sprechen und es ein netter Versuch ist, möchte ich hier veranschaulichen, wie man sich von den Herstellern loslösen und die Hoheit über sein Gerät erlangen kann.

Wer nicht gleich mit einem komplett neuen, „nackten“ Android beginnen möchte, hat es nicht so leicht, von Google loszukommen. Doch auch mit Hersteller-Androids kann man den Datenhunger und die überflüssigen Apps einigermaßen eindämmen, wie z.B. dieser Artikel von Turn On beschreibt. Darauf werde ich hier aber nicht näher eingehen.

Warnung: Bei der Installation einer alternativen Android-Version verliert man unter Umständen seine Garantieansprüche. Wer diese Schritte durchführt, macht dies auf eigene Gefahr! (Auch wenn diese äußerst gering ist und eigentlich nichts schiefgehen kann.)

Zunächst ein Überblick über die verschiedenen Schritte:

  1. Backups erstellen und Daten für spätere Nutzung sichern.
  2. Ein sogenanntes Custom-ROM installieren, also eine quelloffene Android-Version ohne Herstelleränderungen.
  3. Bei Bedarf weitere Apps und Dienste deaktivieren/deinstallieren.
  4. Wie komme ich an Apps? F-Droid als alternativen App-Store verwenden.
  5. Alternativen für Google Apps installieren.

Vorweg möchte ich noch auf den Kuketz-Blog verweisen, wo es eine äußerst ausführliche Anleitung mit Hintergrundinformationen gibt. Dort wird viel detaillierter auf Datenschutz und Sicherheit eingegangen, was meine Ambitionen bei weitem übersteigt.

1. Backups und Datensicherung

Da ein Verzicht auf Google und Co. auch eine Einschränkung der Synchronisierungsmöglichkeiten beinhaltet, müssen ein paar Vorkehrungen getroffen werden. Das ist sinnvoll um a) im Notfall die Änderungen rückgängig machen zu können, und b) später im Custom-ROM möglichst schnell wieder die alten Daten wiederherzustellen. Damit sind nämlich nicht nur Kontakte, SMS etc. gemeint, sondern auch die App-Daten, also z.B. Spielstände und Einstellungen. Außerdem steht uns später der Google Play-Store nicht mehr zur Verfügung, sodass wir am einfachsten über ein Backup an die Apps kommen können, die momentan schon installiert sind.

Um auf Nummer sicher zu gehen, sollte man auch ein sogenanntes Nandroid-Backup erstellen, was man im Recovery-Modus erledigen kann. Weil das ein Thema für sich wäre, verweise ich hier nur auf einen Artikel auf Chip.de. Welche Recovery man wie verwendet, hängt auch vom Smartphone und der aktuellen Android-Version ab.

SMS sichere ich nie, da es für mich keinen Grund dafür gibt – zumal eh kaum jemand noch SMS schreibt. Die Kontakte kann man in eine Datei exportieren, die man nachher wieder importieren kann. Vorteil: ich bin weder auf Internet, noch auf Synchronisation angewiesen. In der Regel brauche ich die Handynummern auch nicht in meinem Gmail-Konto, um eine E-Mail zu schreiben.

Die Apps und deren Daten sichere ich mit dem hervorragenden Tool Titanium Backup. Voraussetzung für die sinnvolle Nutzung ist ein gerootetes Handy, aber es gibt auch andere Möglichkeiten für Nutzer ohne root-Zugriff. Allerdings ist root sinnvoll und unter Umständen auch nötig für die Installation eines Custom-ROM.

2. Custom-ROM installieren und einstellen

Mein Handy ist ein Sony Xperia Z1 Compact. Ich habe festgestellt, dass es im Vergleich zu Samsung-Geräten etwas umständlicher ist, ein Custom-ROM auf einem Sony-Handy zu installieren. Um den Rahmen nicht zu sprengen, möchte ich hier nicht näher darauf eingehen. In einschlägigen Foren findet man genügend Anleitungen. Hier sei auf die exzellente Entwicklerseite XDA-Developers verwiesen, die unter anderem auch die Custom-ROMs programmieren, die man dort finden kann.

Das mit Abstand populärste und am besten betreute Custom-ROM, das für alle Android-Smartphones zur Verfügung steht, ist CyanogenMod (abgekürzt als CM). Ich habe auf meinem Z1C die Version CM11 installiert, was auf Androd 4.4 „KitKat“ basiert. CM verwendet eine eigene Versionsnummerierung, die von Android abweicht. Die Vorteile von CM gegenüber anderen Androids: eine aktive Entwickler-Community, ständige Updates, toller Support, ein „blanko“ Android, aber mit vielen zusätzlichen Einstellungen anpassbar. Custom-ROMs haben in der Regel auch keine vorinstallierten Google-Apps, sondern man installiert sie manuell direkt nach dem Custom-ROM. Genau diesen Schritt lasse ich aber aus. Auf dem Kuketz-Blog wird darauf hingewiesen, dass trotzdem noch vorinstallierte Dienste in CM stecken. Diese kann man mithilfe von freecyngn loswerden.

Im frisch installierten Android kann man nun erste Einstellungen vornehmen. Ich habe z.B. NFC deaktiviert, da ich es nie nutze und es auch ein Sicherheitsrisiko sein kann. Bei Bedarf kann ich es ja im Einzelfall aktivieren. Weitere Einstellungen sind Geschmackssache, z.B. Töne, Farben, das Aussehen der Schaltflächen, die Anzeigen in der Statusleiste etc. Hier muss man sich einfach mal selbst umschauen und ausprobieren, was einem gefällt. Die Entwickleroptionen können auch nützlich sein. Diese aktiviert man, indem man im Menüpunkt „Über das Telefon“ mehrfach auf die Build-Nummer tippt. Danach steht in den Einstellungen der Menüpunkt „Entwickleroptionen“ zur Verfügung. Dort stelle ich gerne das „erweiterte Neustartmenü“ ein, oder auch die Möglichkeit, Apps durch Gedrückthalten der Zurück-Taste sofort und richtig zu beenden. Ein weiterer Schritt an dieser Stelle wäre auch die Wiederherstellung der Kontakte durch den Import der entsprechenden Sicherung. Die Datei heißt standardmäßig „0001.vcf“.

3. Weitere Apps und Dienste deaktivieren/deinstallieren

In Custom-ROMs ist nicht mehr viel übrig, das Probleme bereiten kann. Ich habe aber festgestellt, dass sogenannte Cell Broadcasts häufig mit ständigen Fehlermeldungen nerven. Das kann man verhindern, indem man die entsprechende App in Titanium Backup einfriert. Auch die Standard-SMS-App habe ich eingefroren, da ich eine Alternative benutze. In der Regel gilt: ungenutzte Apps einfach einfrieren, damit man nicht zu viele in seiner Übersicht hat. Wenn ich z.B. einen eigenen Kalender verwende, kann ich die Standard-App einfrieren, um nicht versehentlich auf die falsche App zu tippen.

4. Wie komme ich an Apps?

Backups wiederherstellen

Falls man Backups von bereits installierten Apps mit Titanium Backup erstellt hat, kann man diese natürlich einfach wiederherstellen, um sämtliche gewohnte Apps zurück zu haben. Hier habe ich aber auf die Google-Apps verzichtet, also YouTube, Gmail, Kalender, Notizen etc.

Alternative Downloads nutzen

Der Vorteil von Android ist, dass ich im Grunde gar nicht auf App-Stores angewiesen bin. Ähnlich wie das Wiederherstellen von Backups, kann ich auch einfach die Installationsdateien für Apps (*.APK-Dateien) aus dem Internet herunterladen. Die App-Stores sind im Grunde nur eine komfortablere Variante davon. Eine gute Anlaufstelle für Apps mit Beschreibungen und Downloadmöglichkeiten findet man auf Chip.de. Dort wird dann im Falle von direkten APK-Downloads auf APKMirror verwiesen. Hier findet man sämtliche Apps, die man auch aus dem Google Play-Store kennt und vielleicht nicht ersetzen möchte. Der Vorteil des direkten Downloads ist, dass ich kein Google-Konto brauche und so auch in keiner „Cloud“ gespeichert ist, welche Apps ich verwende.

Andere App-Stores

Wie erwähnt gibt es auch mehrere App-Stores, die man als Ersatz für Googles eigenen Play-Store nutzen kann. Eine Möglichkeit ist Aptoide: der Shop lässt sich direkt als APK-Datei herunterladen und bietet viele bekannte Apps. Hier kann man auch bereits installierte Apps bequem aktualisieren lassen. Das ist ein großer Vorteil gegenüber Direktdownloads wie von APKMirror, denn dort bekommt man zwar alles, was man braucht, muss aber manuell neuere Versionen nachinstallieren.

Nur der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass man natürlich auch einen App-Store wie den von Amazon oder der russischen Suchmaschine Yandex nutzen kann, doch dann hat man sich von einer Datenkranke zur anderen begeben, was ja nicht der Sinn dieser Aktion war.

Sehr beliebt, gerade bei Google-Aussteigern, ist vor allem F-Droid, denn es handelt sich bei den verfügbaren Apps um „free and open source software“ (kostenlose und quelloffene Software), die meist wenig Berechtigungen erfordert. Auch in F-Droid findet man Hinweise auf Aktualisierungen, kann aber auch ältere Versionen herunterladen.

In F-Droid findet man so ziemlich alles, was man im Alltag benötigt. Die Apps sind ebenfalls nach Kategorien geordnet und auch in älteren Versionen verfügbar, falls es mal einen Fehler mit neueren Versionen gibt. Ehrlicherweise muss man sagen, dass man beim Komfort ein paar Einbußen hinnehmen muss, wenn man auf die Google Apps verzichtet. Doch häufig wird man erstaunt sein, wie selten man sie eigentlich wirklich braucht, und wie einfach es auch ohne sie geht.

5. Alternativen für Google Apps

  • Such-App
    Eine Suchmaschine, die sich nach und nach als ernstzunehmende Konkurrenz präsentiert, ist DuckDuckGo, „die Suchmaschine, die Sie nicht verfolgt“, so der vielversprechende Slogan. In Linux-Distributionen ist sie häufig als Standardsuche im Browser eingestellt, aber es gibt auch eine Android-App, die man direkt auf der Homepage herunterladen kann.
  • Navigation
    Als Navigation benutze ich schon immer Navigator, das mit freien Offline-Karten von OpenStreetMap funktioniert. Das ist besonders nützlich, wenn man in Urlaub fährt oder in einer Gegend mit schlechtem/keinem Internetempfang ist. Außerdem hat mir die Google-Navigation eh nie sonderlich gut gefallen.
  • Gmail
    Ein beliebter E-Mail-Client ist K-9 Mail (verfügbar in F-Droid). Die App funktioniert genauso wie PC-Programme, die man zur E-Mail-Verwaltung nutzen kann. Im Fall von Gmail-Konten erkennt K-9 automatisch die Einstellungen. Man gibt Benutzername und Kennwort ein und kann direkt Mails lesen und schreiben. Außerdem kann ich auch mehrere E-Mail-Konten verwalten, sodass ich nicht für jeden Anbieter eine extra App verwenden muss.
  • Keep/Notizen
    Statt der Google Notizen habe ich eine App mit dem einfachen Namen Aufgaben installiert (im Original „OpenTasks“, in F-Droid). Wie bei Google kann ich auch hier entweder Notizen oder Checklisten erstellen. Wer lieber eine App mit Synchronisation bevorzugt, kann das beliebte Evernote testen. Ich wollte jedoch eine simple App, die keine Anmeldung erfordert.
  • Kalender
    Wer bereits vorher den Google Kalender benutzt hat, kann sich im Browser einloggen und die Daten in eine Datei exportieren. Diese kann man dann aufs Handy laden und dort in der normalen Kalender-App importieren. Ähnlich wie bei den Kontakten wird allerdings nicht synchronisiert.
  • YouTube
    Eigentlich schaue ich keine YouTube-Videos auf dem Handy (erst recht nicht unterwegs), aber falls doch, dann geht das mit SkyTube (in F-Droid). Mit dieser simplen App kann man YouTube-Videos suchen, beliebte Videos durchstöbern, aber auch eigene Abos erstellen. Da man sich nicht mit seinem Google-Konto anmelden kann, muss man die gewohnten Abo-Kanäle erneut suchen und hinzufügen, doch in meinem Fall sind das eh nur ein paar Kanäle, die ich regelmäßig schaue.
  • Wörterbuch/Tastatur
    Bei mir gab es das Problem, dass ich ohne Google auch kein Wörterbuch für meine Tastatur hatte und somit die Worterkennung wegfiel. Wer diese Funktion nutzen möchte, kann sich ein aktuelles Google Keyboard auf APKMirror herunterladen. Vorteil: mit der neuen Tastatur kommt auch die Unterstützung für Emoji-Eingabe.
  • SMS
    Das ist zwar normalerweise nicht von Google, aber als Alternative für die vorinstallierte SMS-App verwende ich Silence (in F-Droid). Die Verschlüsselung habe ich noch nicht ausprobiert, doch es sieht wie eine normale SMS-App aus. Man kann in den Einstellungen auch das Aussehen ändern.

Sonderfall: Handyortung ohne Google

Ein Problem gibt es nun durch den Verzicht auf Google noch: die Ortungsfunktion. Natürlich kann ich einfach GPS aktivieren, doch das zieht auf Dauer Strom. Der Energiesparmodus des Standortdienstes ist normalerweise aber auf Googles Ortungsfunktion angewiesen, die mithilfe einer Vielzahl von Daten funktioniert. Diese Funktion kann man manuell nachrüsten. In F-Droid findet man eine App namens µg UnifiedNlp (no GAPPS). Zuerst installiert man diese App, danach muss man noch weitere Dienste (sogenannte Backends) in F-Droid nachinstallieren. UnifiedNlp nutzt diese Backends, um den ungefähren Standort des Handys zu ermitteln, zum Beispiel mit Funkmasten: sind bestimmte Funkmasten vom Handy erreichbar, so ist es möglich, das Handy zu lokalisieren. Ich habe noch nicht feststellen können, ob diese App wirklich ihren Dienst tut, denn in der Regel ist auch egal, wo man sich gerade befindet. Für die Navigation benutze ich ohnehin GPS.

Fazit: Android ohne Google

akku
Sparsam: Nach einem Tag und fünf Stunden noch 62% Akku-Kapazität. Keine Google-Dienste, die Strom fressen, sondern nur Android selbst und das Display.

Über die Sinnhaftigkeit des Google-Verzichts lässt sich natürlich streiten. Gerade wenn ich sowieso Facebook nutze und einen Google-Account habe, spielt es aus Datenschutzgründen wohl keine große Rolle mehr. Im Gegensatz zum PC bin ich mit dem Handy aber mobil und nutze Apps, die wiederum aufs Internet zugreifen. Hier gibt es also mehr Bedenken als zu Hause. Es ist auch ein Unterschied, ob ich nur Gmail nutze, um Mails zu schreiben, oder ob Google auch die Daten auf meinem Handy nutzen kann.

Außerdem vertrete ich noch die beinahe schon altmodische Ansicht, dass ich ein Gerät, welches ich gekauft habe, auch zu 100% kontrollieren möchte. Ich entscheide selbst, welches Betriebssystem und welche Apps ich benutze. Und ich will nichts vorgesetzt bekommen, sondern eine Auswahl haben. Dank Custom-ROMs und alternativen App-Stores ist das zumindest auf Android-Geräten machbar. Wer aber wirklich auch die Hoheit über sämtliche Daten haben möchte, der muss noch einige Schritte weiter gehen.

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