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Social Media im Wahlkampf: der Chat-Bot der CSU

Mit großem Erstaunen habe ich bei VICEs Motherboard gelesen, dass die CSU auf Facebook einen Chatbot betreibt, der sogar Memes verbreiten soll. Das musste ich natürlich auch ausprobieren, und siehe da, es funktioniert tatsächlich. Wer über einen Facebook-Account verfügt, kann einfach die CSU anschreiben und sich mit dem Bot „unterhalten“. Wie sieht nun so ein Gespräch aus, und worüber unterhält man sich mit diesem Bot? Und viel wichtiger für die Generation Internet: Verwendet er die Memes korrekt?

01 Start
Zu Beginn wird man nett vom Bot begrüßt und erhält wohl bei Bedarf auch eine Einweisung.

Das Gespräch beginnt direkt ernüchternd: Leider verfügt Leo nicht über eine künstliche Intelligenz, ist also nicht lernfähig und kann nur auf vorgegebene Stichworte reagieren. Selbst ein „Okay“ oder „Ja“ an falscher Stelle wirft ihn aus der Bahn: Als ich auf „Pack ma’s?“ mit „Gerne!“ antworte, habe ich scheinbar schon den geistigen Horizont des Bots gesprengt:

02 Gerne
Nicht nur „Gerne“, auch „Okay“ ist wohl zu viel für den Bot.

Na ja, ich fange also einfach an und frage ihn zu seiner eigenen Partei, das sollte doch klappen. Und siehe da: ich bekomme prompt eine klare Antwort.

03 CSU

Zu meiner Enttäuschung kann ich aber gar nicht unbedingt eigene Fragen stellen, sondern bekomme anschließend eine Auswahl an Themen vorgegeben, zu denen Leo mir Informationen geben möchte. Das ist schade, denn im Grunde könnte ich genauso gut auch auf einer Webseite entsprechende Buttons oder Links anklicken. Der Sinn des Bots geht damit leider verloren.

Nach ein bisschen Rumgeklicke und langweiligen Phrasen, kommt Leo von sich aus mit einem „lustigen“ Bild, das entfernt an Memes erinnert. Deren deutsche Übersetzung ist meist schon grenzwertig; ganz peinlich wird es dann, wenn eine politische Partei sich Memes zu Nutze machen möchte.

04 Meme

Da ich das „Meme“ schon aus dem Motherboard-Artikel kenne, habe ich den Bot direkt mit „Nein“ abgekanzelt. Daraufhin schlägt er vor, das Frage-Antwort-Spiel zu starten, welches recht langweilig verläuft, da er gar nicht auf meine Antworten eingeht. Lediglich am Schluss scheine ich ihm ein Stichwort geliefert zu haben. Ironischerweise spielt der Kontext dabei keine Rolle, denn der Bot kann diesen nicht entschlüsseln. Solange das Wort „Bayern“ fällt, bekommt man die passende Antwort.

05 Bayern

Na toll. Der Benutzer verkommt damit vollends zum bloßen Stichwortgeber – ein Stichwortgeber für einen Chat-Bot! Von der CSU! Wer hätte gedacht, dass man im Internet so tief sinken kann? Aber jetzt will ich es wissen und fordere den Bot heraus, zu anderen Parteien Stellung zu beziehen. Laut Motherboard hetzt er angeblich gerne über die anderen. Ich fange sachte mit der FDP an:

06 FDP

Hm, das war ein wenig lasch. Sofort wird mir klar, dass die CSU natürlich nicht den potenziellen Koalitionspartner zu sehr verärgern möchte. Aber genau hier liegt das Problem: die FDP ist nicht der aktuelle Partner. Die CSU muss zur Zeit mit anderen Parteien regieren und hat Verantwortung übernommen. Wie weit können sie sich da wohl aus dem Fenster lehnen?

Gegen die SPD wird also scharf geschossen, der Wahlkampf ist in vollem Gange – und das gegen den aktuellen Partner. Die Zusammenarbeit bis September wird wohl nicht leicht werden, aber wen wundert’s. Was hier stört, das ist die zusammenhangslose Statistik, die Bayern mit NRW vergleicht. Auf den ersten Blick scheinen die Zahlen für sich zu sprechen, doch ein Vergleich von zwei Bundesländern ist dann recht albern. Hieße das, wenn die CSU in NRW regierte, dass es dort wie in Bayern wäre? Und umgekehrt wäre Bayern dann so „marode“ wie NRW unter einer SPD-Regierung? Wohl eher nicht, denn dann wäre das „heilige“ Bayern ja nicht mehr so toll und das beste Land. Das ist es angeblich nicht nur aufgrund der CSU, also dürfte ein Regierungswechsel doch… Ach, egal, als ob man da diskutieren könnte.

Da ich zuletzt auf „Ja“ geklickt habe, bekomme ich eine kurze Einleitung zu einem Auswahlmenü weiterer Parteien, über die der Bot gerne lästern möchte. Interessant ist dabei, dass die FDP tatsächlich nicht auftaucht – zur Auswahl gibt es nur Grüne, Linke, SPD, Rot-Rot-Grün und AfD. Interessant, denn oft werden CSU und AfD ja über einen Kamm geschoren. Mal sehen, was Leo dazu meint:

09 AfD

Ui, ganz schön hart, „rechte Dumpfbacken“ nennt er die AfD. Aber wohl nur die CSU schafft das Kunststück, die AfD deshalb zu diffamieren, um im selben Satz auf Rot-Rot-Grün herumzuhacken – Respekt, liebe CSU! Gut, immerhin eine Distanzierung, wenn auch mit merkwürdiger Begründung.

Der Vollständigkeit halber klicke ich noch eben diese Koalition und auch die Linken an, um zu sehen, was der Bot darüber zu sagen hat. Die Ergebnisse sind natürlich nicht verwunderlich.

Alles klar, es ist eben die CSU. Zum Abschluss fragt mich der Bot noch, ob ich ein paar Memes sehen will. Wow, jetzt wird es nochmal spannend: Haben die Entwickler sich wirklich die Arbeit gemacht, passende Memes zu suchen? Hier vier Beispiele:

Tatsächlich, die Syntax der Original-Memes wird einigermaßen eingehalten: „Y U NO“-Guy regt sich über die Grünen auf (wenn auch nicht nach der Formel „Warum macht ihr nicht…“), „Conspiracy Keanu“ hat Angst vor einer Schulz-Kanzlerschaft (auch hier nicht ganz korrekt, der Geistesblitz fehlt), aus den Aliens als Erklärung für Außergewöhnliches werden die „weltfremden“ SPD und Grünen, und auch der Sarkasmus bei Willy Wonka passt zum Text.

Was also ist von dieser Art des Wahlkampfs zu halten? Es ist wohl ein erster Versuch, in diesem Terrain Fuß zu fassen. Andernfalls hätte man sich die Mühe gemacht, einen echten Bot mit KI zu benutzen. Diese stoßen zwar auch an ihre Grenzen, doch wenigstens geht die Unterhaltung dann über das bloße Stichwortgeben hinaus. Enttäuschend ist vielmehr, dass der Wahlkampf in den Social Media immer noch als neu und innovativ betrachtet wird, obwohl es soziale Netzwerke schon seit über zehn Jahren gibt. Barack Obama hatte bereits bei seinem ersten Wahlkampf 2008 das Internet erfolgreich genutzt und 2012 für seine Wiederwahl noch eine Schippe draufgelegt. Das ist nun also neun bzw. fünf Jahre her! Auch der Wahlerfolg von Donald Trump ist ohne das Internet, vor allem Social Media wie seinen berüchtigten Twitter-Account, nicht zu erklären. Es scheint, als hätten die deutschen Parteien hier noch sehr viel Nachholbedarf, wenn sie Schritt halten und nicht als „altmodisch“ belächelt werden wollen.

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