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Der Politische Kompass: Warum „links“ und „rechts“ Unsinn sind

Das Thema Wahlen ist mir sehr wichtig, darum folgt heute gleich ein zweiter Beitrag dazu. Diesmal geht es um Angebote wie WahlNavi und den länger bekannten (und nun auf Deutsch verfügbaren) Political Compass, die dem Nutzer nicht nur die Nähe zu Parteien zeigen, sondern auch eine Einordnung in ein politisches Koordinatensystem erlauben. Dieser Ansatz ist richtig und wichtig – denn die Einordnung von Politikern, Parteien und Programmen in „links“ und „rechts“ ist völliger Unsinn und gehört endlich abgeschafft. Was sollen „links“ und „rechts“ bedeuten? Warum ist das nicht zeitgemäß? Was ist ein politischer Kompass, und was hat das mit Unterricht zu tun? Darum geht es in diesem längeren Grundsatzbeitrag.

Ein bisschen Geschichte

Es gibt im Geschichts- und Politikunterricht natürlich viele Stellen, wo man das politische Spektrum bzw. dessen Entstehung unterbringen kann. Ein erster Punkt im Beruflichen Gymnasium ist der Themenkomplex Industrialisierung und Soziale Frage. Kurz darauf folgt die Einheit Zeitalter der bürgerlichen Revolutionen, in deren Zusammenhang die Revolution von 1848 vorkommt. Das sind auch die Stichworte für die Erklärung der noch heute üblichen (aber überholten) Einteilung in „links“ und „rechts“. Im Unterricht frage ich zunächst in einem Brainstorming nach den Vorstellungen: Was verbindet ihr mit diesen Begriffen? Die Antworten sammle ich zunächst kommentarlos an der Tafel. Und dann geht’s los …

Vorbild Paulskirche

Die meisten sollten wissen, dass die Links/Rechts-Einteilung mit der Sitzposition im Parlament zu tun hat, und zwar vom Rednerpult aus gesehen. Das gilt für alle Parlamente in entsprechenden Demokratien, so auch für den deutschen Bundestag. Für die vergangene Legislaturperiode habe ich ein Schaubild gefunden, auf dem man das gut erkennen kann. Das Vorbild für diese Ordnung ist in Deutschland die Sitzordnung der Paulskirchenversammlung 1848/49 in Frankfurt. Anders als in Kirchen üblich sitzt man dort in einem Halbkreis. Diese Anordnung bot sich für ein Parlament an, damit man besser miteinander reden konnte. Da es noch keine Parteien gab, war anfangs keine bestimmte Sitzordnung möglich. Mit der Zeit gruppierten sich die Abgeordneten aber nach ähnlicher Überzeugung.

Dabei kam das Schema heraus, das heute noch als Standard gilt: Rechts außen saßen die Konservativen, welche die bisherigen Strukturen (damals also die Monarchie) bewahren wollten. Ganz links saßen die Republikaner, die nach französischem Vorbild die Abschaffung der Monarchie und Einführung einer demokratischen Republik forderten, inklusive Gewaltenteilung und Wahlen. In der Mitte blieben die Liberalen, die zwar teilweise Bürgerrechte und Parlament wollten, aber teilweise auch mit einem Monarchen an der Spitze des Staates leben konnten. Die Übergänge zwischen den Gruppen waren damals fließend, trotzdem nutzte man diese (künstliche) Einteilung zwischen rechts und links als Vorbild für die folgenden Parlamente – bis heute.

Im 19. Jahrhundert war diese eindimensionale Unterscheidung noch ausreichend. Es ging um grundlegende Fragen zum Staatsaufbau, die geklärt werden mussten, und nicht um die heutigen vergleichsweise extrem detaillierten Gesetzesvorschläge. Ob Deutschland eine Monarchie oder eine Republik sein sollte ist schließlich eine einfache Ja/Nein-Frage. Von solch einfachen Entscheidungen sind wir heute schon längst weit entfernt. Daraus ergeben sich entsprechend Probleme.

Die Grenzen der Eindimensionalität im 20. Jahrhundert

Ein Problem kann man bereits an der obigen Beschreibung erkennen: Während die Liberalen damals zur Mitte gehörten, saßen sie zuletzt im Bundestag rechts außen – für die Liberalen des 19. Jahrhunderts eine sicher schwer zu ertragende Vorstellung. Für die anderen Bewegungen gibt es aber ebenfalls Schwierigkeiten, die sich gerade für die Linken aus ihrem Erfolg ergeben: Deutschland ist schon längst eine Republik, und zwar genau so, wie es sich die Republikaner damals gewünscht hatten. Sie haben also ihr Ziel erreicht, wenn auch mit 100 Jahren Verspätung durch die Verkündung des Grundgesetzes 1949. Doch auch die späteren Linken in Form der Sozialdemokraten haben ihr Ziel erreicht, nämlich die Situation der Arbeiter zu verbessern. Niemand schuftet sich zu Tode, mittlerweile gibt es Arbeitslosengeld und Rente (auch wenn Bismarck sie eingeführt hatte: es waren sozialdemokratische Forderungen), die Arbeitszeit ist nicht mehr 12-14 Stunden am Tag. Was ist heute also links? Auf der anderen Seite das gleiche Dilemma: die Monarchie ist verloren, einen Kaiser will keiner mehr ernsthaft haben, die Abschaffung aller errungenen sozialdemokratischen Ideen (siehe oben) fordert höchstens noch die AfD. Was ist also rechts?

Das 20. Jahrhundert hat diesen Begriffen neue Vorstellungen verliehen, die sich nun mit den ursprünglichen Bedeutungen vermischt hatten. Was für ein Chaos sich daraus ergibt, kann man schon allein an Hitlers Partei erkennen: Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei. Eine sozialistische Arbeiterpartei wäre klassischerweise extrem links. Aber jeder ordnet die NSDAP sofort als rechtsextrem ein. Was für einen Sinn macht das? Das gleiche Problem gilt auch für das sogenannte linke Gegensystem: Worin unterschied sich Stalins Sowjetunion eigentlich von Hitlers Drittem Reich? Beide Systeme waren Einparteienstaaten mit einem absoluten Führer, die ihre Gegner umbringen ließen, und mit einem totalitären Herrschaftsanspruch, der sich in alle Belange des Lebens einmischte. Wie kann man diese Systeme denn theoretisch politisch unterscheiden zwischen rechts und links?

Nach dem Zweiten Weltkrieg 1945 und vor allem nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 änderte sich zudem die politische sowie wirtschaftliche Situation enorm, nicht nur in Deutschland, sondern weltweit. In der heutigen, globalisierten Welt gibt es Herausforderungen, die weit über Ländergrenzen hinausgehen, aber trotzdem Wechselwirkungen auf die eigene Nation haben. Klima, Umwelt, Hunger, Armut, Ausbeutung, Kriege, sich daraus ergebende Flucht und Vertreibung – das alles sind Probleme, die einzelne Länder nicht mehr lösen können. Diese komplexen Herausforderungen stellen auch die Parteien vor Probleme, da man zu jedem Thema einzeln Stellung beziehen muss. Daraus folgt logischerweise, dass man eine Partei nicht mehr grundlegend auf einer einfachen Achse einordnen kann. Wo verorte ich denn eine Partei, die sich zwar für das Wohl der Arbeiter einsetzt (klassisch links), dafür aber großen Wert legt auf das traditionelle Familienbild von Vater, Mutter, Kind (klassisch konservativ, also rechts)? Wohin gehört denn Umweltschutz, den mittlerweile jeder fordert: links, weil es wirtschaftliche Intervention des Staates bedeutet, oder konservativ, weil es im Wortsinn um die Erhaltung der Umwelt geht (was christliche Konservative mit „Wahrung der Schöpfung“ umschreiben)?

Die notwendige Mehrdimensionalität

Der „politische Kompass“

Es sollte also klar sein, dass Politik nicht auf einer Linie, also eindimensional, eingeordnet werden kann. Das klassische Schema ist schon längst veraltet und unbrauchbar. Aus diesem Grund gibt es zwei- und sogar dreidimensionale Einteilungen, also in einem Koordinatensystem mit zwei bzw. drei Achsen. Schon seit 2001 gibt es die englischsprachige Seite Political Compass, wo ein zweidimensionales Schema vorgestellt wird. Dort findet man auch eine Erklärung zu der Achseneinteilung. Neben die waagerechte Einteilung in links (wirtschaftliche Einmischung des Staates) vs. rechts (wirtschaftlich liberal) kommt eine senkrechte Achse zur Einteilung in autoritär (oben) vs. libertär (unten). Auf der Erklärungsseite kann man anhand von Beispielen sehen, wo die Unterschiede liegen. Die bereits erwähnten Diktatoren Stalin und Hitler sind beide auf einer Linie im oberen Bereich, es gibt aber doch einen Unterschied bei der wirtschaftlichen Einteilung auf der Horizontalen.

Political Compass 2017
Meine Position nach dem Test, verglichen mit den Parteien zur Bundestagswahl 2017.

Mittlerweile gibt es den Test zur Einordnung im Kompass auch auf Deutsch. Dort gibt es Fragen zu verschiedenen politischen Themengebieten, aber auch zu grundlegenden Einstellungen. Daraus ergibt sich dann eine Einordnung in das Schema. In letzter Zeit wird diese Einteilung auch für Wahlen in verschiedenen Ländern durchgeführt, sodass man vergleichen kann, wie die politischen Parteien in diesem Schema einzuordnen sind. Die Ergebnisse sind oft verblüffend, auch für die kommende Bundestagswahl: bis auf die Linke befinden sich alle Parteien im rechten oberen Feld. Damit bestätigt sich, was viele oft vermuten und kritisieren, nämlich die fehlende, grundlegende Distanz zwischen den Parteien. Sie sind sich einfach zu oft einig und unterscheiden sich nur in Details. (Die Grabenkämpfe von früher sind eben geklärt, siehe oben.) Das gleiche Bild gab es übrigens schon bei den US-Präsidentschaftswahlen im letzten Jahr: Trump und Clinton sind sich näher, als sie zugeben würden. Wirtschaftlich sind sie auf einer Linie, als Republikaner ist Trump aber „weiter oben“ eingeordnet. Lediglich Bernie Sanders wäre eine (für die USA wohl zu stark abweichende) Alternative gewesen.

Der „Wahl-Navigator“

WahlNavi Themen
WahlNavi: Vergleich der Parteien anhand verschiedener Themenfelder.

Einen ähnlichen Ansatz wie der Political Compass verfolgt der deutsche WahlNavi. Auch hier nimmt man Stellung zu Thesen, wobei danach noch die Einstellung zu Parteien und Politikern gefragt wird. Am Ende wird man ebenfalls in ein Koordinatensystem eingeordnet, dazu kommt die prozentuale Übereinstimmung mit den Parteien auf Grundlage der Wahlprogramme. Außerdem kann man die Parteien (und die eigene Position) anhand der Themengebiete noch einmal vergleichen und sehen, wo man mit welchen Parteien ähnliche Ansichten teilt. Das kann hilfreich sein, wenn man bestimmte Themen besonders wichtig findet und hier Wert auf Übereinstimmung legt.

Das Koordinatensystem ist aber im Vergleich zum Political Compass ein bisschen anders aufgebaut. Zunächst ist die senkrechte Achse im Vergleich zum Kompass auf den Kopf gestellt und hat eine andere Bedeutung, da es hier nicht um staatliche Autorität geht, sondern um gesellschaftlich progressiv vs. konservativ. Daraus ergibt sich, dass AfD und CDU/CSU alleine im konservativen Feld landen, die FDP ist dafür alleine rechts und leicht progressiv. Außerdem sind jetzt auch Grüne und SPD wirtschaftlich links, was beim Kompass nicht der Fall war. Hier wird wieder deutlich, dass solche Einteilungen zwar einerseits hilfreich sein können, allerdings je nach Machart unterschiedliche Ergebnisse liefern, was gerade im direkten Vergleich dann zu Verwirrungen führen kann. Ein grundlegender Unterschied ist sicher der Aufbau des WahlNavi anhand von einzelnen Wahlprogramm-Aussagen, ähnlich wie beim Wahl-O-Mat.

WahlNavi
WahlNavi: Koordinatensystem und prozentuale Übereinstimmung.

Fazit

Mittlerweile gibt es Messinstrumente, die endlich über das stupide Links/Rechts-Denken hinausgehen. Nun ist es wichtig, dass auch Politiker und Parteien, vor allem aber die Medien ebenfalls einen Schritt weitergehen. Wir müssen endlich im 21. Jahrhundert ankommen wenn es um politische Diskussionen geht. Die Grabenkämpfe des 19. und frühen 20. Jahrhunderts sind längst vergangen und nützen keinem mehr. Die Probleme sind heute zu dringend, als dass man Zeit und Energie in unnütze, künstliche Debatten verschwenden sollte. Wer sich heute noch „links“ oder „rechts“ nennt gerät in Erklärungsnot, da die Begriffe nicht für alle Themen klar zugeordnet werden können.

Die Gefährlichkeit von binärer politischer Einteilung kann man mittlerweile in den USA beobachten, wo man in Trump-Befürworter und -Gegner eingeordnet wird und die Menschen teils in gewalttätigen Demonstrationen aufeinander losgehen. In den Medien wird dabei natürlich von Rechts- und Linksextremismus gesprochen, und wieder haben dabei die Begriffe eine andere Bedeutung als bei der Beschreibung von Parteien. Das gilt natürlich genauso auch für Extremismus in Deutschland.

In der politischen Bildung muss der Sinn für die Komplexität von Politik geweckt werden. Teenager sind in der Regel sehr interessiert an Politik, ihnen fehlen aber Mittel und Kenntnisse, um sich darüber sachgerecht zu äußern. Es nützt niemandem, wenn sie das Links/Rechts-Schema nachplappern. Aus der historischen Perspektive sollte im Lauf der Oberstufe klar werden, dass es mehr als nur zwei politische Denkweisen gibt.

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Ein Gedanke zu „Der Politische Kompass: Warum „links“ und „rechts“ Unsinn sind“

  1. Toller Artikel. Es ist leider so, dass sich die meisten Leute mit dem Links-Rechts-Schema begnügen, eine mehrdimensionale Betrachtungsweise wäre aber deingend notwendig. Die Gefährlichkeit des binären Systems spürt man auch in Europa zunehmend. Entweder man ist so oder so, Feind oder Freund (je nachdem auf welcher Seite man steht). Das Problem ist, dass eine zielführende Diskussion dadurch zunehmend verunmöglicht wird.

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