GGK, Unterricht, Zeitgeschehen

Ein Holocaust-Film für den Unterricht: „Nacht und Nebel“

Zum Thema Holocaust im Geschichtsunterricht gibt es unzählige Materialien, Bücher und Ideen. Ich möchte deshalb einen 30-minütigen Kurzfilm vorstellen, der sich für eine einzelne Unterrichtsstunde in der Oberstufe eignet. Welche Hintergrundinformationen brauchen Lehrer und Schüler dafür? Wie kann man einen solchen Film einsetzen? Diese Fragen beantworte ich am Beispiel meines Unterrichts.

Vorwissen aus dem Unterricht

Um das Thema Holocaust sinnvoll zu behandeln, sollten Nationalsozialismus und Antisemitismus bereits behandelt worden sein. Die Schüler wissen also schon, wie das Dritte Reich funktionierte, kennen die Hauptmerkmale der NS-Ideologie und insbesondere Hintergründe zum Antisemitismus. Häufig fragen Schüler, wie es sein konnte, dass die Menschen diesen Judenhass einfach akzeptierten. Es ist daher wichtig klarzumachen, dass der Antisemitismus nicht von heute auf morgen auftauchte, sondern schon immer existiert hatte und seit dem 19. Jahrhundert in ganz Europa regelrecht populär war. Die Nazis haben ihn also nicht neu erfunden und verbreitet, sondern auf ihm aufgebaut.

Vor diesem Hintergrund lasse ich die Schüler ein Phasenschema zur Judenverfolgung ausarbeiten. Als Grundlage dafür dienen die Texte und Quellen im Schulbuch, die zu diesem Thema in der Regel ausreichend vorhanden sein sollten. Ziel ist es, die vielen Einzelninformationen in eine Struktur zu bringen. Hierzu gebe ich den Aufbau in einem Arbeitsblatt vor, das man in ähnlicher Form häufig findet, wie zum Beispiel von Klett (untere Tabelle).

Hintergrund zum Film „Nacht und Nebel“

Nacht und Nebel (DVD-Cover)
DVD-Cover von amazon.de

Den Film lernte ich an der Uni kennen, als ich an einem Referat darüber mitgearbeitet hatte. Heutzutage kennt man Aufnahmen aus Konzentrationslagern aus Dokumentationen und auch Spielfilmen und im Grunde weiß jeder von den Grausamkeiten, die dort stattfanden. Für das heutige Publikum sind die Bilder schon fast abgestumpft, „als Bildschnipsel werden die schrecklichsten ‚Höhepunkte‘ dieser Aufnahmen heute meist nur noch als Signale wahrgenommen, als eine Art Zeichensprache für den Holocaust.“ (Schlöndorff 2010)

Entstehung

Das war direkt nach dem Krieg anders. Im Zuge der Re-education sollten die Anwohner in der Nähe der KZs in die Lager gehen, um sich dort mit eigenen Augen anzusehen, was geschehen war. Zu einem gemütlichen Spaziergang brachen die Leute auf, doch im Lager angekommen wurden sie dermaßen traumatisiert, dass es keinen sinnvollen Aufklärungseffekt gab. Die Maßnahmen wurden nicht weitergeführt. Stattdessen wollte man den Deutschen Filmaufnahmen aus KZs zeigen. Namhafte Regisseure wie Alfred Hitchcock und Billy Wilder haben für die Alliierten Filmmaterial aus den befreiten KZs gesammelt, doch wie man sich denken kann war das Interesse der Bevölkerung gering. Auch Zwangsmaßnahmen haben nicht zum Erfolg geführt.

Der französische Regisseur Alain Resnais versuchte zehn Jahre nach Kriegsende mit seinem Film „Nuit et brouillard“ (Nacht und Nebel) eine andere Herangehensweise:

Ich will die Zuschauer ja nicht erschlagen, ich will sie verstören, sie wachrütteln, neugierig machen, sie etwas entdecken lassen. Und das hatten die Dokumentarfilme über die Lager gleich nach dem Krieg nicht erreicht.

Dies gelingt Resnais, indem er eigene Farbaufnahmen aus Auschwitz mit historischen Aufnahmen kombiniert. Die langsamen Kamerafahrten zu Beginn des Films, in denen man die Reste des KZs sieht, bilden gleichzeitig einen behutsamen Zugang zum Thema. Hinzu kommt die eindringliche Musik von Hanns Eisler sowie der Text in der deutschen Fassung von Paul Celan, der selbst KZ-Überlebender war: „Der Text spricht zu uns in einer reflektierenden Form, mit vernünftigen Überlegungen, mit Fragen zur Natur des Menschen überhaupt. Er erklärt nichts und bezieht sich nur selten auf das Gezeigte, meist führt er ein Eigenleben, und man könnte auch einfach mit geschlossenen Augen zuhören.“ (Schlöndorff 2010)

Resnais‘ Filmkunst, Eislers Musik und Celans Text verbinden „die Bilder verschiedener Orte und Epochen zu einem zeitlosen Lagerkosmos. Die Vergangenheit wird als unabgeschlossene Zeit präsentiert, die untrennbar mit der Gegenwart verwoben ist.“ (Seidel 2014) Auf diese Weise erlangt der Zuschauer einen emotionalen Zugang, der es ihm ermöglicht, in die Lagerwelt einzutauchen.

Der Film endet schließlich ähnlich wie er begonnen hat: Nach der rhetorischen Frage „Wer also ist schuld?“ schwenkt die Kamera langsam in der Gegenwart (des Jahres 1955) über das Gras im KZ. Während das Bild auf den Ruinen der Lagerbauten ruht, endet der Film mit den folgenden Worten:

Und es gibt uns, die wir beim Anblick dieser Trümmer aufrichtig glauben, der Rassenwahn sei für immer darunter begraben. Uns, die wir tun als schöpften wir neue Hoffnung; als glaubten wir wirklich, dass all das nur einer Zeit und nur einem Lande angehört. Uns, die wir vorbeisehen an den Dingen neben uns, und nicht hören, dass der Schrei nicht verstummt.

Rezeption

Interessant ist noch die Aufführungsgeschichte des Films. Frankreich wollte ihn 1956 bei den Filmfestspielen in Cannes ins Rennen schicken, doch die Bundesregierung war gegen diese Entscheidung und der deutsche Botschafter protestierte in einem Brief an den französischen Außenminister: Der Film würde der Atmosphäre zwischen Deutschen und Franzosen schaden und das Ansehen der Bundesrepublik gefährden, da die Menschen nicht zwischen NS-Regime und junger Republik unterscheiden könnten. Daraufhin lief der Film nur am Rande außer Konkurrenz.

Allerdings entbrannte danach eine Debatte in Frankreich und Deutschland über das Vorgehen der Bundesregierung. Die SPD verlangte im Bundestag Erklärungen, viele deutsche Künstler drückten ihre Empörung aus, und auch im Ausland kam die Entscheidung natürlich nicht gut an. Letzten Endes hatte sich die Bundesregierung hier verrannt, denn gerade die Ablehnung des Films schadete ihr weitaus mehr als es eine Aufführung getan hätte. Im Gegenteil hätte ein konstruktiver, selbstkritischer Umgang mit der Thematik der jungen BRD wahrscheinlich sogar Sympathien gebracht.

Die Mehrheit derjenigen, die den Film 1956 bei speziellen Aufführungen in Deutschland erstmals gesehen hatten, empfand ihn als seriös, objektiv und empfehlenswert. Trotzdem lehnte zum Beispiel 1957 die Landesbildstelle Baden-Württemberg den Film zur Aufführung in der Oberstufe ab: „Das Gremium war der Auffassung, dass der Film aus pädagogischen Gründen den Jugendlichen, die den Krieg selbst nur in vager Erinnerung haben, nicht zugemutet werden könne.“ Aus heutiger Sicht ist eine solche Einschätzung kaum nachvollziehbar und war natürlich ebenfalls kontraproduktiv, wie sich im Generationenkonflikt der 1968er später zeigen sollte.

Einsatz im Unterricht

Die Hintergrundinformationen sind vor allem für den Lehrer nützlich, um einerseits den Film entsprechend für die Schüler einzuordnen und andererseits auch Fragen beantworten zu können. Wie bei allen Quellen ist es wichtig, das Werk in seinen Kontext einzubetten und nicht nur isoliert zu betrachten. Es ist eben kein Film, den man eben mal kommentarlos zeigt.

Pre-viewing

Vor dem Betrachten sollte zumindest klargestellt werden, von wann er stammt und was er zeigt. Die Schüler sollten auch wissen, dass es in Ordnung ist, wenn sie an manchen Stellen nicht hinschauen möchten/können. Damit sie mit der Wirkung nicht alleingelassen werden, kann man die Klasse in drei große Gruppen einteilen, die sich jeweils auf etwas konzentrieren sollen:

While-viewing

  1. Wie wird Musik eingesetzt? Welche Wirkung hat sie?
  2. Wie werden Farbbilder eingesetzt? Wie sind die Kamerabilder und -fahrten aufgebaut?
  3. Wie ist die Wirkung des Textes bzw. des Sprechers in verschiedenen Szenen?

Erfahrungsgemäß macht sich zwar kaum jemand Notizen, aber jeder kann etwas zu diesen Fragen beisteuern. Es gibt viele Beispiele im Film, die man heraussuchen kann, um eine bestimmte emotionale Wirkung zu beschreiben.

Post-viewing

Als inhaltliche Auseinandersetzung kann man die Fragen aus dem Film aufgreifen und diskutieren:

  • Wer trägt Schuld an den Ereignissen?
  • Welche Aufgabe haben wir als Nachkommen, die nicht selbst betroffen sind?

Aufgrund der Ernsthaftigkeit des Films verlaufen diese Diskussionen in der Regel sehr ruhig und sachlich. Wichtig ist, dass bei solchen offenen Fragestellungen alle Meinungen gelten sollten, da es keine eindeutig „richtigen“ oder „falschen“ Meinungen in dieser Hinsicht gibt.

Da der Film mit der Befreiung der KZs und dem Appell an die Gegenwart endet, bietet es sich an, ihn am Ende der Einheit zum Nationalsozialismus einzusetzen.

Quellen

  • Resnais, Alain: Film: „Nacht und Nebel“, 1955.
  • Schlöndorff, Volker: Nacht und Nebel, in: Der Filmkanon, bpb.de, 15.04.2010.
  • Seidel, Marguerite: Nacht und Nebel, in: Filmkanon komptakt, bpb.de, 23.10.2014.
  • Wikipedia: Nacht und Nebel (Film), 14.11.2017.
Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s