Allgemein, Zeitgeschehen

Schluss mit Doppelmoral und überholtem „wir“ gegen „die“!

Vor der Bundestagswahl hatte ich bereits begründet, warum meiner Meinung nach das politische Schema mit einer Einteilung in „links“ gegen „rechts“ längst überholt ist. Diese Erkenntnis müsste mehr Verbreitung finden und endlich für eine politische Erneuerung sorgen, die wir im 21. Jahrhundert so dringend brauchen. Mit dieser Ansicht bin ich natürlich nicht der Einzige.

In seinem lesenswerten Kommentar „Im politischen Kostümverleih“ in der FAZ meint Jürgen Kaube ebenfalls, dass „links“ und „rechts“ nur noch „künstlich und um den Preis gewaltiger Manipulationen am Leben gehalten“ würden. Doch er spricht zunächst auch andere Themen an, zum Beispiel im Bezug auf Donald Trumps Hetze gegen die unliebsame Presse, zuletzt übrigens deutlich zu sehen durch die Verleihung der „Fake News Awards“. Der verbale Austausch sei, so Kaube, inhaltlich aufgeblasen, wobei die Kritik auch – zurecht, wie ich meine – gegen die Presse und die Kritiker Trumps gerichtet ist:

Wir brauchen um jeden Preis schlimmstmögliche Gegner in politisch letztentscheidenden Konflikten, um öffentlich mehr Gehör finden. Und wir nennen den entsprechenden Krawall dann auch noch „Beitrag zur Demokratie“. Was dabei für Politik gehalten wird, ist aber nur Moral.

Da kann man nur zustimmen. Die Sinnentleerung politischer Diskussionen, die fernab jeglicher relevanter Probleme und deren möglicher Lösungsansätze geführt werden, sind alles andere als nützlich im demokratischen Austausch. Das Paradebeispiel ist die jüngste Diskussion um Trumps Gesundheitszustand, die zu einer peinlichen Doppelmoral von Seiten der Trump-Gegner führte: Während sie dessen fat shaming, also das Lästern und Bloßstellen von Übergewichtigen, stets kritisierten und unmöglich fanden, so machen sie sich nun abfällig lustig über das Gewicht des Präsidenten, wie unter dem Hashtag #girther auf Twitter zu sehen war. Das ist nichts anderes als ein Armutszeugnis im politischen Diskurs. Genau diese Art von Scheinheiligkeit hat ja zu dem Verdruss geführt, der Trump überhaupt erst ins Amt gebracht hatte. Auf diese Weise werden Trumps Kritiker ihm noch eine zweite Amtszeit bescheren.

Kaube meint nach diesem Vorwurf der politischen Inhaltslosigkeit weiter, „vielen“ falle „so wenig ein, dass sie dankbar für jede Möglichkeit sind, alte Schlachten zumindest rhetorisch nachzustellen.“ Damit geht er über auf das überholte Schema „links“ gegen „rechts“, dessen Unzulänglichkeit er ähnlich begründet wie ich das getan hatte:

Das Nachlesen in irgendeiner Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts reichte aus, um die Vergleiche zu mäßigen oder jedenfalls die völlige Andersartigkeit der Problemlagen zu erkennen. Schon die Beschäftigung mit den Gründen dafür, dass sich die Parteienlandschaft verändert hat, würde aus dem Schema links/rechts herausführen. Was wäre das denn auch für eine Linke, die auf jedwedes Begreifen der Gesellschaft verzichtet, um lieber Moralthemen und Lebensstilgefühle zu bewirtschaften? Man darf daran erinnern: Das Buch hieß „Das Kapital“ und nicht „Die Gerechtigkeit“. Und was für eine Rechte ist es, die des Attributs „neu“ bedarf, um darüber hinwegzutäuschen, dass sie weder politisch noch intellektuell mehr zu bieten hat als Affekte und Positionen aus dem Antiquariat?

Zwei Ohrfeigen, je eine für die vermeintliche „Linke“ und „Rechte“, und das völlig verdient. Warum diese Erkenntnis nicht schon längst zum Mainstream geworden ist, kann ich einfach nicht nachvollziehen. Die Wahlergebnisse zeigen doch, wie wenig das zweidimensionale Schema noch taugt. Selbst in Großbritannien ist es trotz Mehrheitswahlrecht kaum mehr möglich, ohne einen Koalitionspartner zu regieren. Gleichzeitig und eventuell aus Ermangelung einer politischen Heimat – schließlich sind die komplexen Themen heute nicht mehr einfach in einer Partei zu bündeln – rotten sich dann Gruppierungen zusammen, die sich gegenseitig abwertende Namen geben wie trumptards (Trump + retard, engl. für Behinderter) gegen libtards, vermeintliche Nazis gegen Gutmenschen, oder generell X-Befürworter gegen X-Gegner. Natürlich sehnen wir uns nach einfachen Antworten und Strukturen. Doch ein Rückfall in binäres Denken wäre fatal. Wie sagte Jedi-Meister Obi-Wan Kenobi so treffend? „Only a Sith deals in absolutes.“

Wohin führt uns das jetzt? Kurz- bzw. mittelfristig zu „flexiblen Mehrheiten“ in der Bundespolitik, was den weniger schönen Begriff „Minderheitsregierung“ treffender umschreibt. Doch auch über die Sinnhaftigkeit des Parteiensystems wird man irgendwann generell nachdenken müssen.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s