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Aktuelle Debatte: Der Echo für Kollegah und Farid Bang – Umgang in der Schule

Seit der Echo-Verleihung an Kollegah und Farid Bang am 12. April überschlägt sich die Debatte um den Echo. Preisträger geben ihre Trophäen zurück, Vorwürfe von „Antisemitismus“ werden häufig als Begründung für die Empörung genannt. Doch was ist dran? Und wie kann man damit umgehen, wenn man als Lehrer hauptsächlich mit eben der Zielgruppe dieser Rapper zu tun hat?

Eigentlich wollte ich das Thema gar nicht aufgreifen, doch die zunehmende Debatte sowie die (in der Pädagogik viel gepriesene) „Nähe zur Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler“ zeigt doch die Relevanz. Ich habe zum Thema drei interessante Artikel gelesen, die nicht nur oberflächlich und hysterisch klingen (wie ca. 95% der Beiträge zum Thema), sondern sich inhaltlich und konstruktiv damit befassen. Dazu gehören ein Interview mit Moritz Bleibtreu, der sich selbst ein „Rap-Kind der allerersten Stunde“ nennt, ein sehr langer und tiefgründiger Kommentar der Szeneseite hiphop.de sowie ein Kommentar von Maria Ossowski (NDR) mit einem Unterrichtsbeispiel, das ich weiter unten aufgreife.

Hintergründe

Über Kollegah und Farid Bang

Zunächst sollte man sich ein bisschen über die Hintergründe informieren, zum Beispiel also über die Rapper selbst. Dazu genügt im Grunde Wikipedia. Sowohl Kollegah (bürgerlich Felix Blume) als auch Farid Bang (bürgerlich Farid Hamed El Abdellaoui) sind gute Beispiele dafür, wie Gangster-Rapper sich ein klischeebeladenes Image aneignen, da beide aus ganz anderen Milieus stammen. Während Felix aus einer kleinbürgerlichen Familie aus dem beschaulichen Friedberg in Hessen kommt, ist Farid ursprünglich aus einer Kleinstadt in Spanien. Beide haben sich also das Image der Großstadt-Gangster ohne entsprechende Herkunft aufgebaut. Deutlich wird das besonders bei Felix, der in den Raps und in vielen Interviews die typische Gossensprache (u.a. als „Kanak Sprak“ bekannt) als Sprechweise nutzt. Viele Schüler, besonders mit Migrationshintergrund, reden ebenfalls so – im Unterschied zu den Kunstfiguren der Rapper aber nicht als Stilmittel, sondern weil sie es schlicht nicht anders können. Das allein wäre aber schon ein (bildungspolitisches) Thema für sich …

Farid Bangs Textzeile in „0815“

Die Kritik am Echo wird eigentlich nur auf eine einzelne Textzeile bezogen. Es handelt sich um den Song „0815“, Track 21 des Albums „Jung Brutal Gutaussehend 3“ („JBG3“). Dies ist ein klassisches Beispiel für Battle-Rap, das deutlich machen soll, wie überlegen die Rapper sind und wie sie alle anderen „dissen“. In der ersten Strophe rappt Farid Bang u.a. folgende Zeilen:

Und wegen mir sind sie beim Auftritt bewaffnet
Mein Körper definierter als von Auschwitz-Insassen

Mit diesem Vergleich wollen die Rapper darauf aufmerksam machen, wie durchtrainiert sie sind, da sie angeblich so wenig Körperfett haben wie KZ-Häftlinge. Rein objektiv betrachtet lässt sich hier kein Antisemitismus erkennen, da nichts Abwertendes über Juden gesagt wird. Natürlich ist die Zeile völlig geschmacklos und unangebracht, aber pauschalisierende Antisemitismus-Vorwürfe lassen sich damit nicht belegen.

Besonders heikel wird das übrigens vor allem dann, wenn sogar die AfD auf den „hate-train“ aufspringt und auf die muslimischen Wurzeln aufmerksam macht. Plötzlich findet man sich in der absurden Situation, dass sowohl Farid antisemitischer Rechtsextremismus vorgeworfen wird, aber auch rechtsextreme Politiker Farid für seine Äußerungen kritisieren. Nimmt man jetzt den mutmaßlichen Antisemiten oder die ausländerfeindliche AfD in Schutz? 🤔 Am besten lässt man einfach die Fakten sprechen.

Alice Weidel (AfD) schrieb in The European jedenfalls folgendes:

Das verwundert nicht, hat unser Land in einer Zeit, in der der Islam immer mehr an Boden gewinnt, bereits jedes Maß an Anstand und Respekt vor sich selbst verloren. Es ist unbekannt, ob vor allem Farid Bang einen Doppelpaß besitzt. Sollte dem so sein, sollte ihm eher die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt werden, als daß man ihn für seinen Juden- und Frauenhaß auch noch ehrt. Einen Integrationskurs sollte er mindestens besuchen, und sofern er diesen nicht besteht, sollte er nach Marokko ausgewiesen werden.

Wie gesagt stammt Farid aus Spanien und nicht aus Marokko. Wenn er überhaupt eine zweite Staatsbürgerschaft hätte, dann wohl die spanische. Damit kann er natürlich nicht nach Marokko ausgewiesen werden. Aber das nur am Rande.

Thematisierung im Unterricht

Sicher haben viele Schülerinnen und Schüler von der Debatte mitbekommen. Manche können die Kritik vielleicht nachvollziehen, andere sehen sich eher selbst kritisiert, wenn sie mit den Rappern sympathisieren. Oberstes Gebot ist daher zunächst die Zurückhaltung als Lehrer. Es ist pädagogisch völlig sinnlos, Moral und Empathie von oben herab indoktrinieren zu wollen – erst recht wenn man damit potenzielle Idole der Schüler angreift. Reflexion und inhaltliche Kritik müssen von den Schülern selbst kommen. Als Lehrer kann man hier nur anregend wirken, aber muss Freiraum für eigene Interpretationen lassen.

Das Vorgehen im bereits erwähnten NDR-Kommentar halte ich daher für klug und angebracht. Vor allem in Mittelstufenklassen scheint das sinnvoll, doch auch in der Oberstufe kann man entsprechend stufenweise arbeiten:

Erste Impulse und allgemeine Aussagen sammeln

JBG3
Ich zeige als visuellen Impuls zuerst das CD-Cover und blende dann die Texte und das ältere Foto ein, um provokativ auf die Herkunft (siehe oben) aufmerksam zu machen.

Bevor es direkt an den eigentlichen Inhalt geht, sollte vorab erfragt werden, wer in der Klasse diese Musik hört oder zumindest kennt. Die Schüler können sich hier erst einmal allgemein äußern, ohne auf den konkreten Fall Bezug zu nehmen. Natürlich werden die Schüler wissen, worauf man hinauswill, wenn man völlig ohne Kontext plötzlich „JBG3“ anspricht. Vielleicht beginnt ja auch direkt eine Diskussion, wie man sie in den Medien in den letzten Tagen erlebt hat. Je nach Verlauf kann man das zulassen, sollte aber auf Sachlichkeit achten.

Zugang zum konkreten Fall

Bevor es weitergeht, sollte man auch das Lied einfach einmal anhören. Das geht zum Beispiel, indem man das Video auf YouTube anschaut. Da die wichtigen Textstellen direkt am Anfang vorkommen, kann man auch nach der ersten Strophe abbrechen. Nach dem Anhören blende ich den Text der ersten Strophe ein, damit man ihn noch einmal nachlesen und besser kommentieren kann.

Analyse und Vergleiche

Nun eignet sich ein Vergleich mit historischen Quellen. Dazu kann man Texte, Bilder oder beides verwenden. Als Textquelle habe ich eine passende Stelle aus einem Erfahrungsbericht der KZ-Überlebenden Lisa Miková auf der Seite der „Süddeutschen“ herausgesucht. Sie erzählt vom Essen, vom Töten und Einäschern der Abgemagerten und dem Geruch von Würstchenbuden. Hier ist die Passage, die ich zeige:

Wir hatten kein Handtuch, keine Seife, kein Toilettenpapier – nichts! Zu zehnt mussten wir uns eine Pritsche mit zwei schmutzigen Decken teilen. Zu zehnt haben wir einen Teller Suppe bekommen, Löffel gab es nicht dazu. […]
Nach drei Tagen kam eine Polin zu uns sagte: „Passt mal auf, wir waren auch nicht gewohnt, so zu essen. Aber wenn ihr nicht esst, magert ihr schnell ab – dann könnt ihr nicht mehr arbeiten. Dann geht ihr durch den Kamin.“ Danach haben wir auch so gegessen. […]
Auschwitz war eine Stadt von Baracken, deren Bereiche man voneinander mit Stacheldraht trennte. Von Gaskammern hat man dort so gesprochen, wie vom guten oder schlechten Wetter. Die rauchenden Schlote – wir dachten zuerst, das seien die Fabriken, in denen wir arbeiten – waren die Schornsteine der Krematorien. […]
Überall lag feiner Staub – Asche aus den Krematorien. Und in der Luft lag immer der Geruch von verbranntem Menschenfleisch – ich kann heute noch nicht an Würstchenbuden vorbeigehen, ohne daran zu denken.

JBG3 Vergleich
KZ-Häftlinge im Vergleich mit Farid Bang.

Im Anschluss daran folgen Fotos von abgemagerten KZ-Häftlingen, die man im Netz finden kann. Als Kontrast zeige ich auf einer neuen Folie Fotos von Kollegah und Farid Bang, wie sie mit ihren Oberkörpern posieren. Schließlich folgt eine Folie, wo ich KZ-Häftlinge und Farid Bang direkt gegenüberstelle.

Jetzt kann man diverse Fragen stellen, wie z.B.: Wie findet ihr die Textzeile? Ist sie passend? Ist sie denn inhaltlich korrekt? Kann man so einen Vergleich überhaupt anstellen? Ist das im Battle-Rap sinnvoll? Haben die Rapper nicht eine Vorbildfunktion? Sollten sie mehr ihren Einfluss auf Jugendliche bedenken? Etc.

In einem Fazit werden die Meinungen noch einmal aufgegriffen. Es sollte nun auch den Rap-Fans klargeworden sein, dass es gewisse Grenzen gibt, die man vielleicht nicht überschreiten sollte, bzw. was die Konsequenzen sein können. Auch Diskussionen zum Image und Klischees der Gangster-Rap-Szene sind möglich, die ja für viele Jugendliche eine Art Leitkultur darstellt. Es sollte hier aber auch in Ordnung sein, wenn Schüler sich kritisch über die Berichterstattung der Medien äußern. Das gilt besonders in Klassen, in denen man sowieso gerade das Thema „Medien“ und „Einfluss der Medien“ behandelt (hat).

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