Allgemein, Englisch, Zeitgeschehen

Zur Kritik am Englisch-Abitur in Baden-Württemberg 2018

Nach dem Englisch-Abitur in Baden-Württemberg am vergangenen Freitag gab es viel Kritik seitens der Schüler, die schriftliche Prüfung sei „unfair“ gewesen. Noch am selben Tag wurde eine Petition auf change.org gestartet, die mittlerweile über 32.000 Unterzeichner hat (Stand: 24.04.18). Was ist von dieser Art Kritik zu halten?

Vorweg sei gesagt, dass ich selbst nicht am Allgemeinbildenden Gymnasium unterrichte und daher die Sachlage nicht direkt aus erster Hand beurteilen kann. Allerdings sind in dem Fall Tendenzen erkennbar, die auch für das Berufliche Gymnasium gelten. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass die Abiturienten zunehmend weniger leisten, aber gleichzeitig immer größere Erwartungen haben. Dabei sind Frust und Enttäuschung vorprogrammiert.

Im vorliegenden Fall beschweren sich die Schüler über Textauswahl und Aufgabenstellung im schriftlichen Abitur. Ich möchte hier auf einige Kritikpunkte eingehen und diese kommentieren.

Ergänzung 26.04.2018: Zur besseren Beurteilung der Aufgabe und der geforderten Kompetenzen habe ich die entsprechenden Lehrplaninhalte herausgesucht, die natürlich jeder Prüfung zugrundeliegen.

Die Textauswahl

In der Petition heißt es, der Text „stammt ursprünglich aus dem Jahre 1934 und beinhaltet deshalb Vokabular, das so im heutigen Sprachgebrauch zum Teil nicht mehr verwendet wird.“ Im nächsten Punkt wird gesagt, der Text gehört „zur Gattung der Romane/ Erzählungen und besitzt somit Charaktere, eine unklare Personenkonstellation und eine Handlung.“ Laut Petition „stellt dies eine große Schwierigkeit dar, da die Antworten nicht wie bei Sachtexten durch Daten oder Aussagen belegbar sind, sondern unter anderem auf Dinge zwischen den Zeilen anspielen.“

Wie alt ein Text ist sollte keine Rolle spielen. Was sollen dann erst Prüflinge sagen, die mit Shakespeare im Abitur konfrontiert wurden? Was ist mit „Faust“ in Deutsch? Das ist auch altes Vokabular, aber deshalb nicht so verfremdet, dass man gar nichts mehr verstehen könnte. Im Gegenteil müsste man eigentlich den Schüler dafür kritisieren, dass er offensichtlich noch nie einen Text gelesen hat, der ein paar Jahrzehnte älter ist, denn mit Sicherheit ist das im Unterricht passiert. Hat da jemand nicht aufgepasst?

Dem Text dann vorzuwerfen, dass er Charaktere und eine Handlung besitzt, ist geradezu lächerlich. Ich will gar nicht wissen, wie sich die Schüler beschwert hätten, wenn das eben nicht der Fall gewesen wäre. Hätten sie dann eine Petition gestartet, weil wegen mangelnder Charaktere und Handlung nichts da war, worüber man hätte schreiben können? Selbstverständlich geht man an einen literarischen Text anders heran als an einen Sachtext. Das sollte ein Abiturient doch wissen.

Wenn aber die Arbeit mit einem literarischen Text „eine große Schwierigkeit“ darstellt, dann muss ich doch die grundlegenden Kompetenzen des Abiturienten in Frage stellen. Denn wenn er tatsächlich glaubt, bei literarischen Texten seien „die Antworten nicht wie bei Sachtexten durch Daten oder Aussagen belegbar“ , dann hat er die Grundlagen nicht verstanden. Natürlich kann man auch in literarischen Texten Belege für Aussagen finden. Aber im Gegensatz zu Sachtexten kann man zusätzlich auch „Dinge zwischen den Zeilen“ hinzuziehen, man hat also sogar noch mehr Möglichkeiten. Genau das ist es doch, was so eine Prüfung testen soll: Kann der Abiturient mit englischen Texten umgehen? Wenn nicht, hat er dann möglicherweise nicht die nötigen Kompetenzen zur Hochschulreife?

Bildungsplan
Aus dem Bildungsplan fürs Gymnasium, S. 124: Englisch in der Kursstufe.

Ein Blick in den Bildungsplan, der im Internet für jeden zugänglich ist, zeigt eben diese geforderten Kompetenzen für Englisch am Gymnasium. Wie im nebenstehenden Auszug zu sehen ist, wird verlangt, dass die Abiturienten neben Sachtexten selbstverständlich auch in „fiktionalen Texten […] die Hauptthemen und unterschiedlichen Standpunkte darstellen und kommentieren“ können. Ebenso sollen sie „literarische Texte vor ihrem soziokulturellen Hintergrund verstehen“ und auch auf formaler Ebene „sprachliche Stilmittel […] erkennen und ihre Funktion beschreiben.“ Entsprechend lassen sich noch viele weitere Stellen aus dem Bildungsplan finden, die eben genau jene typischen Kompetenzen abdecken, welche von den Abiturienten als „unfair“ und „viel zu schwer“ kritisiert werden.

Es gibt eben keine Garantie, dass immer nur Sachtexte drankommen können. Ich kann mir auch beim besten Willen nicht vorstellen, dass in der kompletten Schullaufbahn in Englisch niemals ein literarischer Text bearbeitet worden wäre. Vielleicht war das sture „learning on the test“ mit dem Fokus auf Sachtexten einfach nicht so clever?

Als angeblicher Beleg für die Schwierigkeit wird noch ein Absatz zitiert, der allegorisch die Freiheitsstatue beschreibt (im Text wird sie personalisiert als „Liberty“ angesprochen). Die Kritik daran? „Dieser Absatz ist auch wegen der vielen unbekannten Wörter schwer zu verstehen, und die symbolische Bedeutung erschließt sich deshalb nicht direkt.“ Hier offenbart sich scheinbar der mangelhafte Wortschatz des Kritikers, denn selbst wenn nicht jedes einzelne Wort bekannt ist, sollte man von einer simplen Beschreibung nicht so hilflos überfordert sein. Das wird auch im Bildungsplan eindeutig verlangt, denn die Schülerinnen und Schüler sollen „längere und komplexe Texte sowohl global verstehen als auch rasch auf Einzelinformationen hin durchsuchen“ sowie „selbstständig die Struktur verschiedener nichtfiktionaler und fiktionaler Textsorten erkennen“ (S. 122). Auch inhaltlich ist an der bemängelten Passage nichts auszusetzen, denn die Auseinandersetzung mit der Einwandung in die USA, der Freiheitsstatue und New York City als Ankunft der europäischen Einwanderer im 19./20. Jahrhundert ist typischer Unterrichtsstoff der Oberstufe. Auch im Bildungsplan ist „die Reflexion […] gesellschaftlicher Wirklichkeit in englischsprachiger Literatur“ zu finden (S. 125), also die Verknüpfung und Analyse gesellschaftlicher Themen und literarischer Texte.

Die Aufgabenstellung

Im Gegensatz zur inhaltlichen Kritik, die zwar nachvollziehbar, aber eben gehaltlos ist, erschließt sich mir die Kritik an der Aufgabenstellung nicht mehr. Der Wortlaut der Aufgabe war, laut Petition, folgender: „Analyze the last paragraph of the text and relate it to Lily’s attitude towards new beginnings.“ Hierzu heißt es:

Aus dieser Aufgabenstellung geht nicht eindeutig hervor, welcher Teil des Textes gemeint ist. Da der Text (Ausschnitt aus „Call it sleep“ von Henry Roth) von einer Familie handelte, wäre auch die Interpretation möglich gewesen, es sei nach der Einstellung der Familie zu „new beginnings“ gefragt.

Hier kann man nur sagen: Nein. „Last paragraph“ ist eine eindeutige Textstelle, nämlich der letzte Abschnitt. „Relate it to Lily’s attitude“ stellt völlig unmissverständlich klar, dass es eben um Lily geht. Von einer Familie ist nirgendwo die Rede. Inwiefern hier also ein Missverständnis möglich sein soll ist mir völlig schleierhaft. Auch hier stellt sich mir durch die unangebrachte Kritik vielmehr die Frage nach der grundlegenden Lesekompetenz des Abiturienten, wenn nicht einmal eine Aufgabenstellung verständlich sein soll, die in so einem prägnanten Satz mit klarem Operator („analyze“), klarer Textstelle („last paragraph“) und Objekt der Analyse („Lily’s attitude towards new beginnings“) auf den Punkt gebracht wird.

Doch hiermit nicht genug. Der Verfasser der Petition macht folgenden Verbesserungsvorschlag: „Analyse the concept of new beginnings which is outlined in the last paragraph (l. xx – end) and relate it to Lilly’s attitude towards new beginnings.“ Die Begründung für diese Umformulierung liefert er gleich mit: „In dieser Form wurden Aufgaben bei uns im Unterricht üblicherweise gestellt.

Das eigentliche Problem ist also nicht eine angeblich missverständliche Formulierung, sondern einfach nur die Tatsache, dass „im Unterricht üblicherweise“ der Satzbau etwas anders war. Wenn man die Sätze vergleicht stellt man fest, dass sie im Grunde inhaltlich identisch sind. Der Operator ist immer noch „analyse“ (hier in britischer Schreibweise), es geht immer noch um den „last paragraph“ und immer noch um „Lily’s attitude towards new beginnings“. Der Abiturient hat lediglich erreicht, dass die Aufgabenstellung jetzt länger geworden ist. Scheinbar war es auch zwingend nötig, den Begriff „last paragraph“ dahingehend zu definieren, dass es sich um eine Textstelle handelt, die bis zum „end“ geht. Handelt es sich bei „last“ vielleicht auch um eine der ach so schweren Vokabeln?

Reaktionen und Fazit

Wie zu erwarten war, hat die Petition zunächst hohe Wellen geschlagen – natürlich überwiegend unter den Schülern selbst. Es wird unglaublich viel herumgeheult, wie schwer und unfair das doch alles sei, und früher sei es ja anders gewesen, das gehe doch nicht. Einfach zur Abwechslung eine andere Textart verwenden, was für ein Unding! Da übt man jahrelang scheinbar Inhaltsangaben von Sachtexten und ist nur den einen Satzbau in Aufgabenstellungen gewohnt, und dann sowas. Die armen Abiturienten.

Das Kultusministerium hat zum Glück umgehend reagiert:

Das Kultusministerium hat die in der Online-Petition kritisierte Aufgabe der schriftlichen Abiturprüfung im Fach Englisch einer umfassenden Prüfung unterzogen. Als Ergebnis der Überprüfung ist festzuhalten, dass das Niveau der kritisierten Aufgaben angemessen war. Dies bestätigen sowohl die hierzu heute vom Kultusministerium befragte Abiturkommission als auch drei heute Vormittag extern hinzugezogene Fachberater.

Hoppla. 😯 Doch was ist mit der hysterischen Angst vor einer möglichen, schlechteren Abiturnote in Englisch, die in der Petition (und generell im Netz) angesprochen war? Scheinbar haben die Abiturienten nicht nur Defizite in Englisch, sondern auch in Mathematik – oder sie wissen schlicht gar nicht, wie die Abiturnote überhaupt berechnet wird, obwohl das leicht herauszufinden ist und auch den Schülern eigentlich schriftlich ausgehändigt wird. Hierzu das KM weiter:

Der als vermeintlich schwierig eingestufte Prüfungsteil „Analysis“ mache außerdem nur 15 Prozent der schriftlichen Abiturnote Englisch aus. Die schriftliche Prüfung fließe wiederum nur mit zwei Dritteln in die Gesamtnote ein. „Ich rate daher zu Ruhe und Gelassenheit“, sagt die Kultusministerin.

Hm. 🤔 Laut KM sei die Prüfung ja länderübergreifend, bestimmt haben die Mitschüler also auch andernorts Kritik geäußert?

Der kritisierte Text kam letzten Freitag auch an den Gymnasien in Mecklenburg-Vorpommern zum Einsatz. Auf explizite Nachfrage des Kultusministeriums am heutigen Vormittag gab es in diesem nord-östlichen Bundesland keine Hinweise auf ähnliche Kritik, wie sie in der Online-Petition geäußert wurde.

Oh … aber ist Baden-Württemberg nicht immer so stolz auf seinen Platz in Bildungsstud- 🤐

Ein letzter Versuch wäre ja noch Ministerpräsident Kretschmann, der immerhin selbst Lehrer war. Hat der nicht vielleicht Mitleid?

Es gibt kein Recht auf ein leichtes Abitur. […] Da ich noch schlechter Englisch spreche als Günther Oettinger, bin ich sicher nicht der Richtige, um die Angemessenheit eines Englisch-Abis zu beurteilen.

Schade. Es sieht also ganz so aus, als müssten sich die diesjährigen Abiturienten damit abfinden, dass sie tatsächlich im schriftlichen Abitur einen englischen Text analysieren mussten.

Wie eingangs angesprochen ist diese Aktion aber symptomatisch für ein zunehmend überempfindliches Verhalten der Oberstufenschüler. Sobald man das Gefühl hat, überfordert zu sein, wird entweder sofort resigniert – oder es wird sich erst einmal lauthals und möglichst öffentlichkeitswirksam beschwert. Reflexionsvermögen und Selbstkritik? Fehlanzeige. Nein, stattdessen muss noch am selben Tag eine Online-Petition her, denn die „Schuld“ für die Unzufriedenheit mit der eigenen Leistung muss ja zweifellos an externen Faktoren hängen. Undenkbar, dass man in den vergangenen Jahren seit der fünften Klasse vielleicht nicht immer so gut aufgepasst und mitgearbeitet hat – nein, das System, die Lehrer, das Abitur ist schuld! Aber natürlich will ich trotzdem die bestmögliche Note und studieren. Welches Fach? Ach, egal, hauptsache Studium! Oder vielleicht auch nicht. Warum überhaupt Abitur? So halt. Schulterzucken. Keine Ahnung, was man sonst machen soll. Macht nicht jeder Abitur? Besser als Realschule, auch wenn der Abischnitt am Ende 4,0 ist.

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Ein Gedanke zu „Zur Kritik am Englisch-Abitur in Baden-Württemberg 2018“

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