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Gaulands „Vogelschiss“ – eine historische Analyse

Alexander Gauland, Parteichef der AfD, hat es mal wieder geschafft, große Schlagzeilen zu bekommen. Die Provokation – bewusst oder unbewusst – ist aufgegangen: ganz Deutschland echauffiert sich über seine „Vogelschiss“-Äußerung. Von Journalisten und sämtlichen anderen Parteien erntet Gauland Kritik. Doch worum geht es eigentlich? Von welchem „Vogelschiss“ und von welcher „deutschen Geschichte“ sprach Gauland? Und kann man das überhaupt objektiv beurteilen? Versuchen wir eine Analyse …

Die Aussage

Auf dem Bundeskongress der „Jungen Alternative“ (Jugendorganisation der AfD) trat Gauland überraschend als Redner auf. Der Vollständigkeit halber zitiere ich hier einen Teil der Originalmeldung der Deutschen Welle vom 2. Juni:

Gauland sprach in seiner Rede über die Notwendigkeit einer eigenen deutschen Identität. Dabei schlug er einen weiten Bogen. Geschichte dauere länger „als diese verdammten zwölf Jahre“. Gemeint ist die nationalsozialistische Herrschaft in Deutschland. Man übernehme Verantwortung für diese zwölf Jahre, so Gauland weiter. Aber Hitler und die Nationalsozialisten seien nur ein „Vogelschiss“ in 1000 Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte.
Auch das Werk jüdischer Mitbürger wie Ernst Kantorowicz sei ein Teil einer ruhmreichen deutschen Ideengeschichte, „die Hitler Gott sei Dank nicht vernichten konnte“. Die AfD müsse man nicht vom Unwert des Nationalsozialismus überzeugen, so Gauland.
Die Rede Gaulands wurde auch unter den Mitgliedern der Jungen Alternative am Rande der Veranstaltung zwiespältig diskutiert. Gaulands Bemerkung sei zu doppeldeutig interpretierbar, meinen die einen. Andere sagen, Gauland habe bewusst eine stärkere Distanzierung von einem Bezug auf die NS-Zeit gefordert.

Soweit zur reinen Aussage. Wie man der Meldung entnehmen kann, wurde sie schon direkt vor Ort kontrovers gesehen. Die übrigen Reaktionen sind aber weniger kontrovers …

Die Reaktionen anderer Parteien

Einem Artikel der FAZ konnte man beispielhafte Reaktionen anderer Parteipolitiker entnehmen, die ich ebenfalls zitieren möchte (Hervorhebungen sind zur Übersicht selbst hinzugefügt):

Christoph Heubner, der geschäftsführende Vizepräsident des [Internationalen Auschwitz] Komitees, sagte dazu: „Für Auschwitz-Überlebende wirken die kühl kalkulierten und hetzerischen Äußerungen Gaulands nur noch widerlich.“ […]
CDU-Generalsekretärin Annegret Kramp-Karrenbauer schrieb auf Twitter: „50 Mio. Kriegsopfer, Holocaust und totaler Krieg für AfD und Gauland nur ein „Vogelschiss“! So sieht die Partei hinter bürgerlicher Maske aus.“ SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil twitterte: „Das ist eine erschreckende Verharmlosung des Nationalsozialismus. Es ist eine Schande, dass solche Typen im Deutschen Bundestag sitzen.“ Der SPD-Vizevorsitzende Ralf Stegner bezeichnete Gauland auf Twitter als einen „Hetzer der übelsten Sorte“ und schrieb: „Solche Typen gehören nicht ins Parlament. Aufstehen! Rauswählen!“
Sätze wie dieser seien „keine Ausrutscher, sondern System“, erklärte der Grünen-Vorsitzende Robert Habeck. Die AfD schreibe die Geschichte um. „Die Kurve der AfD von eurokritisch über ausländerfeindlich zu völkisch ist steil und abschüssig.“ Der Parlamentarische Geschäftsführer der FDP-Bundestagsfraktion, Marco Buschmann, twitterte: „Gauland unterschreitet wieder jedes Niveau.“
Der erste Parlamentarische Geschäftsführer der Linksfraktion, Jan Korte, nannte Gaulands Äußerungen „zynisch und geschichtsvergessen“. „In diesen zwölf Jahren war Deutschland für den Tod von mehr Menschen verantwortlich als in allen Epochen zuvor. Spätestens jetzt weiß jeder, woran er bei dieser Partei ist“, sagte er. „Wer die Untaten der alten Nazis verharmlost, ist der Steigbügelhalter der neuen Nazis“, schrieb der frühere SPD-Vorsitzende Martin Schulz.

Es ist unschwer zu erkennen, dass sämtliche Parteien die Aussage Gaulands als Versuch einer Relativierung sehen. Der Ausdruck „Vogelschiss“ würde die Bedeutung der Nazizeit und damit das Leid der Opfer verhöhnen und kleinreden.

Dem gleichen Artikel kann man aber auch die Reaktion des AfD-Fraktionssprechers entnehmen:

Christian Lüth dagegen reagierte auf die Debatte via Twitter mit einem weiteren Zitat von Gauland: „Vogelschiss ist das, was ich von der Nazi-Zeit halte. Quantitativ auf die rund tausend Jahre deutsche Geschichte gesehen. Inhaltlich sowieso. Wer das missversteht, will es auch und der AfD schaden.

Gauland selbst legte zu seiner Verteidigung noch nach:

„Ich habe den Nationalsozialismus als Fliegenschiss bezeichnet. Das ist eine der verachtungsvollsten Charakterisierungen, die die deutsche Sprache kennt. Das kann niemals eine Verhöhnung der Opfer dieses verbrecherischen Systems sein“, erklärte Gauland am Sonntagabend in einer persönlichen Stellungnahme.

Eine Einordnung

Der „Vogelschiss“ – ein Fauxpas?

Interessanterweise haben die Mitglieder der „Jungen Alternative“ bereits erkannt, worin das Problem liegt: Die Äußerung ist – gelinde ausgedrückt – rhetorisch ungeschickt und zweideutig, wie man den Reaktionen entnehmen kann. Die AfD und ihre Anhänger kritisieren, dass häufig der Kontext des Zitats ausgelassen würde, denn tatsächlich sei die Äußerung in ein Bekenntnis zur Verantwortung aus der NS-Zeit gebettet. War Gaulands Aussage also nur ein Patzer?

Gauland
Alexander Gauland (© Wikipedia)

Das lässt sich nicht eindeutig belegen, aber es scheint zumindest unglaubwürdig. Der 77-jährige Alexander Gauland war schon jahrzehntelang CDU-Politiker und somit ein erfahrener Politprofi und routinierter Redner. Es ist schwer vorstellbar, dass ihm ausgerechnet an so einer heiklen Stelle der Rede solch eine Formulierung versehentlich herausgerutscht sein sollte. Damit bliebe nur die Interpretation, dass es sich um eine bewusst kalkulierte Provokation handelte, um mal wieder in den Medien präsent zu sein und verschiedene Reaktionen hervorzurufen. Das hat zumindest funktioniert.

Der Kontext – „1000 Jahre erfolgreicher deutscher Geschichte“?

Belassen wir es also dabei, dass Gaulands Äußerung bestenfalls geschmacklos war. Für mich als Historiker ist der Kontext der Aussage interessanter, nämliche die Behauptung, dass die Nazizeit angesichts einer 1000-jährigen deutschen Geschichte bedeutungslos sei. Hinzu kommt, dass eben diese lange Geschichte eine „erfolgreiche deutsche Geschichte“ sei. Hier kann man objektiv ansetzen und ergründen, ob diese Kernaussage haltbar ist.

Das 1000-jährige Reich

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Otto I. in der Weltchronik Ottos von Freising, um 1200

Ansatz dieser Idee ist die Vorstellung, dass man eine deutsche Traditionsgeschichte auf Otto I. zurückführen könne. Dieser war im 10. Jahrhundert König des Ostfrankenreiches, dann zusätzlich König von Italien und wurde schließlich 962 n. Chr. zum römisch-deutschen Kaiser gekrönt. Als solcher knüpfte er an die Idee einer translatio imperii an, die auch schon Karl der Große bei seiner Kaiserkrönung 800 n. Chr. propagierte.

Seither erwarben fast alle deutschen Könige auch den römischen Kaisertitel. Die Vorstellung von einer translatio Imperii, einer Übertragung der Herrschaft von den Römern auf die Franken bzw. auf die Deutschen, war eine Fiktion, die auf dem symbolischen Akt der Krönung durch den Papst als Oberhaupt der römischen Kirche beruhte und auf die die mittelalterlichen deutschen Könige einen Anspruch auf Schirmherrschaft über die gesamte Christenheit und Überordnung über alle anderen Königreiche gründeten.

Barbara Stollberg-Rilinger: Das Heilige Römische Reich deutscher Nation, München ³2007, S. 10f.

Allerdings ergeben sich daraus Missverständnisse, die ohne ein tieferes Geschichtsverständnis nicht leicht ausgeräumt werden können. Es fällt auch Historikern zunächst schwer, sich von unseren Vorstellungen von Herrschaft, Staaten und Politik zu lösen, wenn man ans Mittelalter herangeht. Wir begehen dabei zu schnell den Fehler, aus unserer Erfahrung heraus Ideen in die Vergangenheit zu projezieren, die damals gar nicht vorstellbar waren – so zum Beispiel die Idee von Nationalstaaten und territorialer Herrschaft. Professor Stollberg-Rillinger führt dazu im oben zitierten Text (S. 7f.) aus:

Auf jeden Fall ist dieses Reich nicht leicht auf den Begriff zu bringen; es entzieht sich modernen verfassungsrechtlichen Kategorien. Es war kein Staat im heutigen Sinne des Wortes, aber auch kein Staatenbund. […] Es hatte kein geschlossenes Territorium mit festen Grenzen; es besaß keine souveräne höchste Gewalt, verfügte nicht über eine zentrale Exekutive […]. Vielmehr war das Reich ein über die Jahrhunderte des Mittelalters allmählich gewachsenes Gebilde, ein lose integrierter politischer Verband sehr unterschiedlicher Glieder, die unter einem gemeinsamen Oberhaupt, dem Kaiser, standen, dem sie in einem persönlichen Treueverhältnis verpflichtet waren.

Hiermit ist auch die Problematik auf den Punkt gebracht: das Alte Reich, das angeblich der Beginn der deutschen Geschichte sein soll, kann nur im Rückblick als Beginn gesehen werden. Der „deutsche“ König des Mittelalters – und damit auch der Kaiser des Heiligen Römischen Reiches – galt, wie der Name des Reiches ja verrät, primär als rex romanorum, also wörtlich übersetzt König der Römer. Die Vorstellung eines „Deutschtums“ ist den Menschen des Mittelalters völlig fremd. Erst in der Konstruktion von Geschichte und dem Versuch, eine Tradition möglichst weit zurück herzuleiten, wird aus Otto I. ein „deutscher König“.

„Die Deutschen“ – eine künstliche Tradition?

Ein typisches Beispiel für diese Konstruktion von Geschichte und Tradition ist die erfolgreiche ZDF-Produktion „Die Deutschen“ von 2008, die auch heute noch im Fernsehen läuft und online verfügbar ist. Auch ich empfehle meinen Schülern die Videos, da sie so einen Einblick in die Geschichte bekommen, jenseits von Schulbüchern. Aber bei genauerer Betrachtung ist klar, dass auch hier stark vereinfacht und konstruiert wird. Franziska Augstein fasste in einer Rezension für die Süddeutsche perfekt zusammen, was für „Die Deutschen“ und ebenso die Geschichtskonstruktion gilt:

Den Geschichtsforschern zum Trotz, die sich zu Kommentaren bereitgefunden haben, folgt die Serie einem Begriff, den der Historiker Eric Hobsbawm prägte: Hier wird Tradition erfunden. Die Serie stellt die deutsche Geschichte als eine Entwicklung dar, die letztlich durch alle Fährnisse hindurch zielstrebig auf das Jahr 1990 und die deutsche Einigung zusteuerte. […]
Dankenswerterweise haben die Initiatoren der Serie die Ursprünge der Deutschen nicht schon in die Zeit von Hermann dem Cherusker gelegt, der zu Beginn der Zeitrechnung drei römische Legionen schlug und dafür von Tacitus als „Befreier der Germanen“ tituliert wurde.

Man kann Frau Augstein nur zustimmen. Die Idee, man könne eine deutsche Tradition sogar bis in die Antike führen, ist sogar noch absurder als der Ursprung im Mittelalter. Derartige Vorstellungen stammen aus dem Nationalismus des 19. Jahrhunderts, als die Idee von Nationalstaaten en vogue war und auch in Deutschland Einzug fand – denn ein Deutschland gab es im 19. Jahrhundert gerade nicht. Dieses wurde erst 1871 durch die Gründung des Deutschen Reiches geschaffen. Und hier trägt Deutschland auch zum ersten Mal in der Geschichte eben diesen Namen: Deutsches Reich, oder auch Deutschland. Bis 1806 lautete der Name des Reiches nämlich – in Fortführung der mittelalterlichen Tradition – Heiliges Römisches Reich deutscher Nation, also: Römisches Reich, nicht Deutsches Reich.

 

Was lernen wir daraus? – ein Fazit

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Eine typische (und daher irreführende) Karte des ottonischen Herrschaftsgebietes. © Wikipedia

Nach diesem Exkurs in die Reichsgeschichte können wir Gaulands Aussage besser einordnen: Es gibt einfach keine „1000-jährige deutsche Geschichte“. Gauland tappt in die gleiche Falle wie auch andere Anhänger romantischer Ideen von historischen Traditionen, die bis ins tiefe Mittelalter reichen sollen. Unsere Vorstellungen von Staat, Nation, Land, Volk etc. sind nicht haltbar. Dabei haben wir noch gar nicht in Betracht gezogen, dass ja immer wieder ganze Völker und Stämme quer durch Europa zogen und Massenmigration im Mittelalter und der Frühen Neuzeit keine Ausnahme, sondern eher die Regel war. Auch feste Territorialstaaten gibt es erst in der Frühen Neuzeit, aber nicht auf deutschem Boden. Karten mit eingezeichneten Reichsgrenzen sind immer nur Momentaufnahmen von Kleinstaaten, deren Fürsten sich gerade zu diesem Zeitpunkt einem Römischen König/Kaiser unterworfen hatten; aber ein Herrschaftsgebiet stellen diese Gebilde nicht dar.

Demzufolge stellt sich auch gar nicht die Frage, ob eine deutsche Geschichte nun „erfolgreich“ war oder nicht. Diese Äußerung stellt uns nämlich vor ein anderes Problem: Wann ist Geschichte denn „erfolgreich“? Erfolg wurde in der Regel durch den Sieg in einem Krieg gemessen. Diese romantische Vorstellung fand aber bereits in den ersten industrialisierten Kriegen des 19. Jahrhunderts ein bitteres Ende. Vor dem 19. Jahrhundert wurden Kriege normalerweise nicht zwischen Ländern, wie wir sie uns vorstellen, sondern zwischen einzelnen Fürsten geführt. Es kann also beispielsweise „bayrische Erfolge“ gegeben haben, wenn Bayern einen Sieg für seinen Fürsten errang. Eine „erfolgreiche deutsche Geschichte“ ergibt aber generell keinen Sinn, da es für das Attribut des „Erfolges“ kein entsprechendes Kriterium gibt, das sich problemlos heranziehen ließe.

Schließlich bleibt noch die Assoziation, die durch die „1000-jährige deutsche Geschichte“ hervorgerufen wird. Meist wird damit nicht das Alte Reich, sondern eher Hitlers Idee eines 1000-jährigen „Dritten“ Reiches verknüpft. In Anlehnung an die (fragwürdige) Vorstellung eines 1000-jährigen „Ersten“ Reiches, also das Heilige Römische Reich, und nach einem 47-jährigen „Zweiten“ Reich, dem Deutschen Reich von 1871 bis 1918, war es bekanntermaßen Hitlers Ziel, ein neues „Drittes“ Reich zu erschaffen, das wieder 1000 Jahre Bestand haben sollte. Allerdings unterbot er mit seinem 12-jährigen Reich sogar das kurzlebige „Zweite“ Reich.

Es bleibt also auch in dieser Formulierung ein brauner Beigeschmack, denn gerade in Gaulands Alter (der Mann ist immerhin noch im Dritten Reich geboren) ist die Formulierung eines „1000-jährigen“ Reiches eindeutig auf Hitlers Wunschdenken bezogen. Selbst wenn dies nicht beabsichtigt war, sollte Gauland natürlich klar sein, dass diese Assoziation existiert und man gerade bei ihm besonders auf solche Äußerungen achtet. Er kann sich also nicht ernsthaft über die Kritik an seiner Wortwahl beschweren. Generell ist auffallend, wie sich manche AfD-Politiker geradezu krankhaft mit der Nazizeit zu beschäftigen scheinen – obwohl diese doch angeblich nur ein „Vogelschiss“ war …

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