GGK, Zeitgeschehen

YouTuber Rezo und „Die Zerst√∂rung der CDU.“ – win oder fail? ūü§Ē

Aktuell zieht ein Video des YouTubers Rezo gro√üe Kreise. Mit aktuell knapp 3,5 Millionen Aufrufen (Stand: 22.06.2019) ist das keine Eintagsfliege und kein Leichtgewicht mehr, √ľber das man hinwegblicken k√∂nnte. Doch was ist dran an dem Video? Und welche Chancen bietet es vielleicht?

Zun√§chst war ich skeptisch, denn der Titel ist sehr rei√üerisch (Clickbait?) und erinnert an diverse Videos zu allerhand Verschw√∂rungsmythen. Da ich Rezo bisher nicht kannte, konnte ich auch nicht einsch√§tzen, ob sich die 55 Minuten lohnen w√ľrden. Aus Neugier (und weil es sich im Grunde an meine Sch√ľler*innen richtet) habe ich es aber letztlich doch angeschaut, mit einem ge√∂ffneten Notepad-Fenster daneben, um Notizen zu machen. Der Lehrer in mir wollte Kritik √ľben, der digitale Rotstift war gez√ľckt. Doch kam der √ľberhaupt zum Einsatz?

Reaktionen auf das Video

Schauen wir zun√§chst auf die Reaktionen, von denen es durch den viralen Charakter des Videos sehr viele gibt. Nat√ľrlich haben auch schon Medien dar√ľber berichtet wie zum Beispiel Spiegel Online oder sogar The Guardian. Deutschlandfunk Kultur meint, das Video bringe durch die millionenfache Verbreitung „die CDU auf eine Weise in Bedr√§ngnis, wie es ein klassischer Kommentar eines Journalisten in Presse und Rundfunk niemals k√∂nnte.“ In dem Beitrag kommt auch Markus Beckedahl von netzpolitik.org zu Wort, der auf Twitter schrieb: „Eines der besten Politik-Videos, die die deutsche Youtube-Welt bisher hervorgebracht hat.“

Politiker der CDU, die ja direkt im Video angegriffen wird, haben ebenfalls reagiert, was h√§ufig aber eher nach hinten losging. So kritisiert zum Beispiel der CDUler Philipp Graefe auf Twitter, das Video w√ľrde durch die FAZ „gepusht“ und Rezo „verbreitet #FakeNews ohne Ende und ist populistisch bis in die blauen Haarspitzen“. Der Account Watch-Union antwortet darauf, das „Video besticht durch seine seri√∂se Art, von denen sich viele Medien eine Scheibe abschneiden k√∂nnen.“ Neben weiteren √Ąu√üerungen von Unionspolitikern und -anh√§ngern, deren Kritik sich haupts√§chlich auf Nebens√§chliches wie die verwendeten Schaubilder bezieht, hat die Union zudem ein eigenes Video mit dem 26-j√§hrigen Bundestagsabgeordneten Philipp Amthor angek√ľndigt, um einen Gleichaltrigen ins Feld zu f√ľhren.

Update (23.05.2019): Die CDU hat das geplante Video gestrichen und stattdessen eine schriftliche Stellungnahme verfasst, die man hier findet.

Der SPD f√§llt es wahrscheinlich schwerer, als Partei eine klare Antwort zu formulieren, da das Video sich haupts√§chlich gegen die Union richtet. Trotzdem muss sich die SPD als langj√§hriger Koalitionspartner die Kritik mit der Union teilen. Gerade in Bereichen wie Umwelt (Gabriel, Hendricks, Schulze) und Au√üenpolitik (Steinmeier, Gabriel, Maas) waren immerhin SPD-Politiker*innen im Amt. Auff√§llig ehrlich und sympathisch kommt daher das Video des EU-Parlamentariers und Umweltpolitikers Tiemo W√∂lken von der SPD r√ľber, der Rezos Video „sehr gut“ findet und in der Beschreibung Rezo f√ľr das Video als Debattenansto√ü dankt.

Inhalte

Rezo hat das Video in verschiedene Themen gruppiert. Zu jedem Thema erklärt er, was seiner Meinung nach schiefläuft und weshalb die CDU (aber auch die SPD) maßgeblich damit zu tun hat. Folgende Themen kommen vor:

  • „Gewinner und Verlierer“ – Rezo will schauen, „was denn das Ergebnis von jahrzehntelanger CDU-lastiger Politik ist, und wer dabei profitiert hat“
  • „Die Klimakrise – wie die CDU unser Leben zerst√∂rt“
  • „Pure Inkompetenz“ – √ľber „’n paar CDUler, die einfach keinen Plan von ihrem Job haben“
  • „Krieg und zerplatzende Menschen“ – die Rolle der amerikanischen Basis in Ramstein, vor allem bei Drohnenkriegen
  • „Diskreditierung von vor allem jungen B√ľrgern“ durch die CDU

Die Auswahl ist nat√ľrlich der jungen Zielgruppe entsprechend getroffen. Dennoch werden wichtige Politikfelder abgedeckt, die alle Generationen betreffen und interessieren k√∂nnen. Auch f√ľr den Unterricht sind alle Themen geeignet, denn sie lassen sich alle einem Lehrplanthema zuordnen, seien es nun Medien, Milit√§reins√§tze und Au√üenpolitik, Klimapolitik und Fl√ľchtlinge oder die Partizipation junger Menschen. Zudem richtet es sich ja eben an Jugendliche, die wir Lehrer*innen selbst unterrichten sollen, und ist daher prima als Diskussionsgrundlage geeignet. Lediglich die L√§nge von 55 Minuten erschwert eine umfassende Behandlung in nur einer Doppelstunde von 90 Minuten.

Doch wie steht es nun mit der Faktenlage? Hier hat Rezo allen Unkenrufen zum Trotz sauber gearbeitet. Man muss direkt klarstellen, dass Rezo keine Doktorarbeit schreibt und auch kein klassischer Journalist ist. Es ist nicht sein Beruf, ein einst√ľndiges Video √ľber die aktuelle politische Lage zu erstellen, das Punkt f√ľr Punkt mit Fu√ünoten unterlegt ist. Dennoch hat er genau das getan: An jeder Stelle, die eines Beleges bedarf, ist entsprechend eine Art Fu√ünote eingef√ľgt, die man in einem Dokument √ľberpr√ľfen kann, das in der Videobeschreibung verlinkt ist. An manchen Stellen, die mir zun√§chst komisch vorkamen, habe ich das getestet, und die Belege sind tats√§chlich einwandfrei. Zudem sind auch Grafiken eingef√ľgt, um bestimmte Punkte zu unterstreichen. Am effektivsten sind aber Videoausschnitte, die f√ľr sich selbst sprechen. Der Union und der SPD wird es sicher schwerfallen, diese zu kritisieren. Ber√ľchtigt ist ja das Beispiel der Drogenbeauftragten der Bundesregierung, Marlene Mortler, die im Interview auf die Frage, weshalb Marihuana verboten sei, tats√§chlich antwortet: „Weil es illegal ist.“ Das muss man gar nicht weiter erkl√§ren, denn selbstverst√§ndlich ist das eine intellektuelle Bankrotterkl√§rung und schlichtweg peinlich.

Kritik und Fazit

Wie man erkennen kann gibt es nicht viel, was man dem Video vorwerfen könnte. Da es sich nicht um eine akademische Arbeit handelt, die entsprechenden Anspruch erhebt, kann man auch die sprachliche Darstellung nicht ernsthaft kritisieren. Immerhin richtet sich das Video primär an Jugendliche, sodass Rezo entsprechend Jugend- und Umgangssprache verwendet. So lange der Inhalt dabei nicht verfremdet wird, ist das auch in Ordnung. Im Grunde habe ich daher nur Kritik auf der formalen Ebene, die ich auch bereits unter dem Video kommentiert habe.

  • Der Titel ist zu rei√üerisch und klingt zu sehr nach Clickbait und/oder Verschw√∂rungsmythen. Leute wie ich, die Rezo nicht kennen und YouTube-Politik-Videos eher skeptisch gegen√ľberstehen, werden davon vielleicht abgehalten.
  • Am Anfang sagt Rezo: „EU-Politik [ist] fucking langweilig“, obwohl er direkt danach deren Wichtigkeit betont. Das ist gerade am Anfang nicht so motivierend.
  • Am Ende werden AfD-Zitate eingeblendet, bei denen es dutzende Schreibfehler gibt. Die wurden wohl auf die Schnelle eingef√ľgt und tr√ľben ein bisschen den Eindruck am Schluss.

Inhaltlich wurde, wie gesagt, sauber gearbeitet und dokumentiert. Wichtig finde ich auch, dass er zwar die „gro√üen“ Parteien kritisiert, gleichzeitig aber auch sehr deutlich klarmacht, dass die AfD f√ľr ihn eben keine Alternative, sondern noch viel schlimmer sei. Das begr√ľndet er zum einen inhaltlich mit den politischen Standpunkten, die gerade beim Thema Klima schlichtweg l√§cherlich sind. Zum anderen verweist er auf die extrem rechts eingestellten Parteimitglieder, welche die Partei in die N√§he von Neonazis r√ľcken. Das ist ein wichtiger Hinweis gerade f√ľr diejenigen, die sich nicht sehr mit den Inhalten anderer Parteien besch√§ftigt haben und in ihrer Entt√§uschung nach dem Video sonst die AfD als tats√§chliche Alternative sehen k√∂nnten.

Gegen Ende weist Rezo darauf hin, dass die Jugend bez√ľglich der W√§hlerstimmen kaum Einfluss haben k√∂nne, da die Altersgruppe √ú70 1,5 mal mehr Stimmen h√§tte als die Gruppe U30. Das mag auch ein Grund daf√ľr sein, warum besonders die Union sich bisher mit den Jugendlichen schwergetan hat, wie auch Achim Wendler vom Bayrischen Rundfunk meint. Doch ebenso wie die Union vergisst auch er, dass es nicht nur um die Jugendlichen allein geht: Rezo ruft n√§mlich sein Publikum dazu auf, das Video und die Debatte m√∂glichst viel zu teilen, auch und gerade mit √§lteren Generationen. Wenn man sich die Kommentare unter dem Video durchliest, dann scheinen das viele auch aufzugreifen, wenn sie davon berichten, es ihren Eltern und Gro√üeltern gezeigt zu haben. Es w√§re f√ľr die Union also fatal, das als puren Frust von Jugendlichen abzutun, den man ignorieren kann.

Nat√ľrlich will Rezo auch eine Meinung verbreiten, doch diesen Vorwurf k√∂nnen weder Politiker*innen noch Journalist*innen einfach vorbringen, ohne sich selbst zu diskreditieren, denn sie selbst tun das nat√ľrlich auch. Scheinbar m√ľssen in Deutschland die Menschen, die in der √Ėffentlichkeit stehen, noch immer lernen, mit dieser Art von √∂ffentlicher Kritik und Meinungsverbreitung klarzukommen. Die Zeiten, in denen die Presse als einziges Organ politische Meinungen mit gro√üer Reichweite verbreiten kann, sind nunmal vorbei. Das kann man kritisch sehen, wenn es aus dem Ruder l√§uft, was man an so wichtigen Aktionen wie hassmelden.de erkennt. Man kann es aber auch als Chance f√ľr Demokratie und Partizipation begreifen, welche den eigentlichen Souver√§n der Demokratie st√§rkt: uns, das Volk.

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