Allgemein, Computer, Datenschutz, Technik, Unterricht

Im Dienst der Datenkraken – ein Kommentar

Vor den Osterferien hatte ich bereits einen ersten Überblick zum Online-Unterricht gegeben. Wie zu erwarten war, ging es jetzt nach den Osterferien nicht normal weiter; der digitale Fernunterricht wird uns noch eine Weile begleiten. In den vergangenen Wochen hat sich viel getan im Online-Unterricht. Die Digitalisierung wird nun noch schneller vorangetrieben, was auch dringend notwendig war und ist. Doch bei aller Aufbruchstimmung gibt es auch Schattenseiten, die beleuchtet werden sollten.

Die Monopole von Google, Microsoft, Apple und Co.

Wie zuvor erwähnt, wird aktuell ziemlich deutlich, wie stark sich verschiedene Internetkonzerne im Bildungsbereich einkaufen engagieren wollen. Es gibt kostenlose (zeitlich begrenzte) Lizenzen, auch in sozialen Netzwerken sehe ich entsprechende Werbeanzeigen – den Algorithmen sei Dank. Doch nicht nur das: auch viele Kolleg*innen machen regelrecht Werbung für Google, Microsoft, Apple und Co. wenn man sich z.B. auf Twitter umschaut, aber auch im „analogen“ Lehrerzimmer. Das ist aus verschiedenen Gründen mindestens fragwürdig. Zurecht weist die GEW schon in der Dezember-Ausgabe ihrer Zeitschrift „Erziehung und Wissenschaft“ darauf hin. Dort wird der Schulsponsoring-Berater Helmut Schorlemmer zitiert, der im Hinblick auf die „Google-Leuchtturmschule“-Werbeaktion des Google-Partners „Cloudwürdig“ meinte:

„Das sind ja aktive Werbemaßnahmen für ein Produkt“, findet Schorlemmer. Schulsponsoring sei nur erlaubt, wenn die Gegenleistung der Schule „defensiv“ sei. Angenommen, die Sparkasse fördere ein Projekt. „Dann ist es okay, wenn die Schule den Namen des Sponsors nennt und sich bedankt.“ Die Schulleiterin oder der Lehrer dürfe aber nicht sagen, „die Sparkasse hat die besten Zinsen“.

E&W, 12/2019, S. 33.

Den im Artikel angesprochenen Facebook-Post findet man zwar nicht mehr. Doch Cloudwürdig und andere machen im System ordentlich Druck. Schulen erhalten E-Mails mit Lockangeboten und Versprechungen sowie zum Teil verkürzt zitierten Behauptungen von politischen Stellen, um das Angebot „sauber“ erscheinen zu lassen. Daher muss man den Schluss des o.g. Artikels noch einmal unterstreichen:

Schorlemmer missfällt das Verhalten der Digital-Konzerne: „Aufgrund ihrer Marktmacht erlauben sie sich eine nicht zulässige Einflussnahme auf Schulen.“ Versäumnisse sieht er in allen 16 Bundesländern. „Auf Seiten der Verantwortlichen in Schulen, Schulaufsicht und Kultusministerien fehlt der Mut, das zu unterbinden.“ Er fordert ein Umdenken: „Lehrerinnen und Lehrer können sich doch nicht zu Außendienstmitarbeitern von Google oder Microsoft machen lassen!“

Wir vergessen zu schnell unsere Funktion in diesem Spiel: Wir arbeiten für den Staat und damit für die Allgemeinheit. Von deren Geld werden wir finanziert. Durch eben diese öffentliche Finanzierung soll Unabhängigkeit garantiert werden, doch diese ist nicht mehr gegeben (s.u.). Daher ist es auch unzulässig, dass Firmen für Gegenleistungen oder sogar Geld werbewirksame Leistungen von Schulen, Lehrkräften und sogar Schüler*innen einfordern und dann als „Feedback“ o.ä. ausgeben. Und dabei haben wir noch nicht einmal den Datenschutz angesprochen, der natürlich dazugehört. Kein Angebot ist wirklich kostenlos; es gibt schon das geflügelte Wort, Daten seien das neue Öl.

Micro$oft

Konzerne wie Microsoft sind milliardenschwer, verfügen über Top-Angestellte, die entsprechend bezahlt werden, und haben direkten Zugang zu allen politischen Ebenen. Man muss sich nur einmal vergegenwärtigen, dass im Grunde die komplette Verwaltungsinfrastruktur von Microsoft abhängt, denn auf quasi allen Rechnern läuft deren Betriebssystem Windows (und/oder deren Office-Paket) – und das häufig auch noch in der nicht mehr unterstützten und daher unsicheren Version 7, vor der ironischerweise das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik warnt. Gekoppelt mit der immensen Lobbyarbeit entsteht damit ein gigantischer Einfluss auf Politik, Verwaltung und damit Gesellschaft. Das kann auch jeder selbst überprüfen: Hast du im Lebenslauf brav angegeben, Kenntnisse mit „Microsoft Office“ zu haben? Und, findest du in deinem Lebenslauf noch ein anderes Produkt, das so wichtig ist, dass es namentlich erwähnt werden muss? (Wenn ja: Ist es kein IT-Konzern?) Schon komisch, oder?

Ein unfairer Wettbewerb

Natürlich ist theoretisch niemand wirklich gezwungen, die Software der Giganten einzusetzen. Es gibt, auch im schulischen Bereich, Musterlösungen und Verwaltungsplattformen, die auf Linux und anderer quelloffener Software basieren. Doch im Wettstreit mit Microsoft und Co. ziehen diese Anbieter generell den Kürzeren. Ihnen fehlen schlicht die enormen Finanzmittel und eine ebenso gut finanzierte wie durchsetzungsfähige Lobbyarbeit.

Der Wettbewerb ist aber auch aus einem anderen Grund unfair: Die heimischen Mitstreiter sind bemüht um Lösungen, die europäisches und deutsches Recht einhalten und wertschätzen. Darum scheren sich die US-Konzerne in keinster Weise, beanspruchen aber dennoch die Marktführung. Nur ein Beispiel: Würde man auf die Einhaltung geltenden Rechts pochen, so müssten Microsofts Windows 10 und Office 365 (samt zugehöriger Cloud-Dienste) von allen öffentlichen Geräten in der EU verschwinden. Das wäre das Aus für die Monopolstellung im öffentlichen Sektor und ein PR-Desaster. In Schulen würde damit nicht unterrichtet und nachwachsende Generationen würden eben andere Software kennenlernen – eine weitere Gefährdung der Marktstellung. Doch aus Politik und Wirtschaft gibt es kaum bis keine Reaktionen. Das ist besonders merkwürdig angesichts eingefleischter Verfechter der freien Marktwirtschaft, die ja in der Theorie nur durch Konkurrenz und Wettbewerb zu Innovationen und Verbesserungen führen kann. Bei jedem anderen Produkt würden wir es nicht tolerieren, dass geltendes EU-Recht unterwandert wird, um außereuropäischen Firmen eine Monopolstellung zu ermöglichen; man denke nur an die vielen Diskussionen um das Freihandelsabkommen TTIP. Im digitalen Bereich scheint das aber alles egal zu sein.

Auch der Datenschutz wird häufig eher als „Verhinderer“ gesehen, wenn es um die Auswahl von Produkten geht. Da werden die Augen gerollt und gemotzt, warum jetzt Zoom oder Teams eigentlich nicht für Schulen geeignet seien, immerhin funktionieren sie doch so toll. Ja, klar tun sie das, wenn Techkonzerne mit Milliardenbudgets dahinterstecken. Doch hier wird völlig irrational das Vorgehen dieser Konzerne verteidigt: Das Gesetz ist plötzlich das Problem, nicht derjenige, der es ignoriert. Es ist doch nicht die Schuld des Datenschutzes, der ja immerhin Grundrechte schützen soll, dass manche Firmen ihn missachten. Hier nehmen ausgerechnet Pädagogen die Firmen in Schutz, die sich wie kleine Kinder benehmen, die ihre Eltern für die ganz arg bösen und unfairen Regeln verteufeln. Es gibt sehr wohl Grund zum Meckern: gegenüber allen Firmen, die sich eben nicht um unsere Privatsphäre kümmern, sondern sie im Gegenteil aus Profitgier im wahrsten Sinne verkaufen.

Ein weiteres Argument, das gerne gegen alternative Lösungen ins Feld geführt wird, ist die Benutzerfreundlichkeit. Natürlich wollen wir letzten Endes einfach funktionierende Lösungen, die intuitiv zu bedienen sind. Doch das erfordert Zeit und vor allem Geld. Wie erwähnt, spielt letzteres eher den Großkonzernen in die Hände, die Hundertschaften von Programmierer*innen einsetzen können. Da kann kein europäisches Start-up mithalten. Selbst wenn es einmal ein interessantes Produkt gibt, so fehlt die Bekanntheit (die ja auch finanziell bedingt ist), um Verbreitung zu finden. Hinzu kommt, dass die „Benutzerfreundlichkeit“ letzten Endes eine reine Gewöhnungssache ist: Windows, Office und Co. sind nicht schon ewig da, sie waren auch mal neu und erforderten Eingewöhnung. Das gilt auch immer noch, z.B. bei Versionsupgrades: Was haben die Leute geschimpft, als das „Ribbon“ in Office eingeführt wurde! Wie wurde das neue Windows 8 verteufelt – so sehr, dass danach sogar Version 9 übersprungen wurde, um mit Windows 10 auch ja weit weg zu sein. Doch die Monopolstellung sorgt dafür, dass zähneknirschend Neuerungen adaptiert werden – und dann die alten Versionen eigentlich niemand mehr wirklich vermisst. Oder würde heute jemand noch Windows 95 benutzen wollen? Man sieht also: Veränderungen erfordern immer eine gewisse Umgewöhnung, sind aber machbar – und das kann auch aufregend sein, denn jedem Anfang wohnt ein Zauber inne.

3 Gedanken zu „Im Dienst der Datenkraken – ein Kommentar“

  1. Sehr richtig! In BaWü sollte unter Missachtung der Datenschutzregeln über das Kultusministerium Mikroschrott Teams eingeführt werden. Ein absolutes no-go!.
    Wir haben uns das in der Schule angeschaut und es sofort verworfen. Viel zu kompliziert.
    Ironischerweise hat das Landesmedienzentrum die Vodeokoferenzsoftware BigBlueBotton als nichtkommerzielle Open-Source Lösung für Schulen empfohlen. Ist datenschutzrechtlich unbedenklich, kostenlos und wird gerade in Moodle implementiert. Unser Schulträger ging noch einen Schritt weiter und hat tatsächlich einen eigenen Server aufgesetzt so dass da keiner reinfunken kann.
    Das Material wird über DATO an die Schüler weiter gegeben. Ein kleine deutsche Firma die dieses Schulverwaltungsprogramm zu einem Preis anbietet den sich jeder Schulträger leisten kann.
    Fazit: Es geht ohne Großkonzerne, mit ordentlichem Datenschutz und für wenig Geld

    Gefällt 1 Person

    1. Toll, finde ich beachtlich! Es ist ja gar nicht so leicht, wenn man dann noch das Kollegium komplett überzeugen muss. Umso erfreulicher, wenn es klappt und Erfolgserlebnisse gibt.
      Das Moodle-BBB werden wir, sofern es klappt, auch in Angriff nehmen. Aber da haben wir eben wieder die „Hürde“, dass alle Lehrkräfte und SuS erst einmal einen Account brauchen, das ist bei uns nämlich noch nicht der Fall.

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      1. Aber wenn man Moodle nicht im vollen Umfang braucht, dann ist die eigene Server-Lösung für BBB am einfachsten. Dann kann jeder Lehrer die Teilnahme-Links an die SuS verschicken und sie können auch auf dem Handy teilnehmen.

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