Allgemein, Zeitgeschehen

Medienkritik: Die BILD-Kampagne gegen Drosten – ein Lehrstück in „Framing“

Wir alle wissen, dass die BILD gerne laut und schräg ist, Tatsachen verdreht und im Grunde permanent Fake News produziert. Heute habe ich zufällig auf Twitter live das Entstehen solch eines Artikels mitverfolgen können. Es ging um eine Studie des Teams von Christian Drosten, doch deren Inhalt ist in diesem Fall zweitrangig. Interessant – und skandalös – ist eher, was die BILD daraus gemacht hat.

Schritt 1: Die BILD sammelt ein paar kontextlose Zitate von Wissenschaftlern. Diese schickt sie um 15 Uhr per Mail an Christian Drosten und gibt ihm eine Stunde (!) Zeit, darauf zu reagieren. Jedem sollte klar sein, wie unrealistisch so etwas ist, zumal man ja nicht permanent in seinen Mails hängt. Das war also schon so angelegt, dass man auf jeden Fall eine Konfrontation wollte. Mit seriösem Journalismus, der durch Recherchieren und Nachforschen einer Wahrheit möglichst nahekommen möchte, hat das nichts zu tun.

Schritt 2: Statt darauf zu reagieren, veröffentlicht Drosten die Mail auf Twitter, um deren unprofessionelles und mit Absicht rufschädigendes Verhalten offenzulegen. Ursprünglich hatte er übrigens die komplette Mail samt Kontaktdaten des Journalisten veröffentlicht, dies aber gelöscht und neu ohne die Kontaktdaten veröffentlicht, nachdem andere das kritisiert hatten.

Drostens Tweet: https://twitter.com/c_drosten/status/1264934434756755456

Schritt 3: Die ersten prophezeien, dass die BILD dann schreiben wird, man habe Drosten angefragt, aber er wollte nicht reagieren. (Man bedenke das unfasssbar kleine Zeitfenster von nur einer Stunde Reaktionszeit, die man ihm eingeräumt hatte!)

Schritt 4: Ausgerechnet die in Schritt 1 zitierten Wissenschaftler distanzieren sich auf Twitter von der BILD und kritisieren deren Vorgehen. Trotzdem werden genau sie später im veröffentlichten Artikel als „Kronzeugen“ zitiert.

Antworten von Rothe und Liebl

Schritt 5: Wie zu erwarten, veröffentlicht die BILD direkt auf der Startseite riesengroß den Artikel mit genau dem Framing, das schon vorher klar war: Drosten habe sich geirrt, würde gar nicht auf Nachfrage reagieren etc.

Artikel der BILD
Der Artikel auf der Startseite (24. Mai 2020).

Fazit

Es geht mir nicht darum, Drosten generell gegen Kritik zu verteidigen. Natürlich darf man sich kritisch mit wissenschaftlichen Studien auseinandersetzen, deshalb werden diese ja veröffentlicht und sind keine Geheimnisse. Es geht aber um das konkrete „Wie“. Normalerweise werden Studien veröffentlicht, einer „peer review“ unterzogen, also von anderen Wissenschaftler*innen geprüft und kritisiert, dann wird nachkorrigiert. Das ist ein normaler Vorgang, den jeder, der studiert hat, kennen sollte. So ist es eben auch bei der Drosten-Studie gelaufen, wie es sich für eine wissenschaftliche Studie gehört.

Kritisch wird es dann, wenn Sensationsjournalismus in diese Vorgänge ins Spiel kommt und Aussagen verkürzt, Tatsachen verdreht und mit bereits vorgefertigter Meinung herangeht. Die BILD war schon immer ein übles, niederträchtiges Hetzblatt. Das ist schon in normalen Zeiten schlimm genug. Wenn aber genug Leser das wörtlich nehmen und dann die Corona-Maßnahmen missachten, „weil der Drosten sich ja irrt“, dann gefährdet das möglicherweise unser aller Gesundheit.

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