Unterricht

Warum Hausaufgaben (meist) Unsinn sind. Ein Plädoyer.

Nach Umzugsstress und Verletzungspech habe ich endlich wieder Zeit für einen neuen Beitrag mit Schulbezug gefunden. Es geht um ein Thema, das schon ewig diskutiert wird: Hausaufgaben. Eltern, Schüler, Lehrer, Schulgesetz, Bildungswissenschaftler – jeder hat eine Meinung zum Thema, denn jeder fühlt sich betroffen; und jeder kennt die lieben Hausaufgaben natürlich auch aus der eigenen Schulzeit. Doch wie sinnvoll sind Hausaufgaben? Und könnte man vielleicht sogar ganz darauf verzichten?

Warum eigentlich Hausaufgaben?

Bevor ich Lehrer wurde, habe ich Hausaufgaben nicht wirklich in Frage gestellt. Doch im Referendariat sagte mein Ausbilder in Pädagogik eines Tages ganz nebenbei, dass Hausaufgaben ja sowieso Unsinn seien und das wissenschaftlich belegt sei, aber wir eben doch daran festhalten. Doch wenn das so ist, warum gibt es sie dann überhaupt?

In Baden-Württemberg, wo ich Lehrer bin, sind Hausaufgaben rechtlich vorgeschrieben, und zwar in der „Verordnung des Kultusministeriums über die Notenbildung vom 5. Mai 1983“ . Ja, tatsächlich, 1983. Genauso alt übrigens wie das Schulgesetz. Die Hausaufgaben sind geregelt in §10 der Notenbildungsverordnung:

§ 10 Hausaufgaben
(1) Hausaufgaben sind zur Festigung der im Unterricht vermittelten Kenntnisse, zur Übung, Vertiefung und Anwendung der vom Schüler erworbenen Fähigkeiten und Fertigkeiten sowie zur Förderung des selbständigen und eigenverantwortlichen Arbeitens erforderlich.
(2) Die Hausaufgaben müssen in innerem Zusammenhang mit dem Unterricht stehen und sind so zu stellen, daß sie der Schüler ohne fremde Hilfe in angemessener Zeit erledigen kann.
(3) Die näheren Einzelheiten hat die Gesamtlehrerkonferenz mit Zustimmung der Schulkonferenz zu regeln, insbesondere den zeitlichen Umfang sowie die Anfertigung von Hausaufgaben übers Wochenende, über Feiertage und an Tagen mit Nachmittagsunterricht; an Tagen mit verpflichtendem Nachmittagsunterricht darf es in den Klassen 5 bis 10 keine schriftlichen Hausaufgaben von diesem auf den nächsten Tag geben.
(4) Der Klassenlehrer bzw. Tutor hat für eine zeitliche Abstimmung der Hausaufgaben der einzelnen Fachlehrer zu sorgen und auf die Einhaltung der bestehenden Regelungen zu achten.

Satz 1 sagt es ganz lapidar: „Hausaufgaben sind […] erforderlich.“ Immerhin werden Beispiele aufgezählt, warum das so sei. Diese Gründe bzw. Ziele sind auf den ersten Blick auch einleuchtend. Doch seit 1983 hat sich einiges getan, was auch Auswirkungen auf das Prinzip der Hausaufgaben hat.

Wovon Hausaufgaben abhängen

Es gibt natürlich Fächer, in denen lässt es sich kaum vermeiden, dass Schüler auch zu Hause arbeiten müssen. Das beste Beispiel sind die Fremdsprachen: Vokabeln lernen ist eine typische Aufgabe, die daheim erledigt wird. Es ist schlichtweg unmöglich, ausschließlich im Unterricht zu lernen. Dafür ist keine Zeit und es funktioniert in der Gruppe sowieso nicht. Hier wäre es also nicht möglich, komplett auf Hausaufgaben zu verzichten.

Auch in anderen Fächern, in denen man praktische Übungen machen kann oder Dinge auswendig lernen muss, können Hausaufgaben nicht immer vermieden werden. Gerade in höheren Klassenstufen müssen komplizierte Theorien oder Definitionen auswendig gelernt werden, damit man sie dann sinnvoll anwenden kann. Zwar wird auch im Unterricht geübt und wiederholt, doch Weiterarbeit zu Hause ist manchmal einfach notwendig.

Dennoch sollten solche Fälle die Ausnahme sein. Hausaufgaben sind kein Selbstzweck; sie aus Prinzip aufzugeben ist nicht nur sinnlos, sondern schadet langfristig allen Beteiligten.

Was spricht gegen Hausaufgaben?

Abgesehen von den oben genannten Gründen, die für Hausaufgaben sprechen, gibt es doch eine Fülle an Argumenten dagegen. Mancher muss nur an die eigene Schulzeit denken, um das nachvollziehen zu können. Doch im digitalen Zeitalter kommen noch weitere Faktoren hinzu, die bestimmte Hausaufgaben manchmal auch unmöglich machen.

Die Rolle der Eltern

Gerade in jüngeren Klassenstufen spielen die Eltern eine sehr große Rolle. Natürlich möchte man, dass das eigene Kind erfolgreich in der Schule ist. Was macht man also? Bei den Hausaufgaben „helfen“ . Das geht auch mal so weit, dass die Hausaufgaben komplett von den Eltern gemacht werden. Was aus Elternsicht wie Hilfe wirkt, ist im Grunde aber eher schädlich: das Ergebnis wird verfälscht, das Kind falsch eingeschätzt, was zu Bewertungsproblemen führen kann. Zudem fehlt der eigentlich gewünschte Übungs- und Lerneffekt, wenn Eltern sich zu sehr einmischen. Im schlimmsten Fall können Hausaufgaben auch zu Streit führen, wenn die Kinder sie nicht erledigen wollen – Frust bei allen Beteiligten also, der dann mit in die Schule genommen wird.

Andere Einmischungen

Die Eltern sind aber nicht die einzigen, die sich beim Thema Hausaufgaben einmischen. Auch Freunde oder Mitschüler können bei den Hausaufgaben helfen. Zur Not ruft man jemanden aus der Klasse an oder lässt sich eben ein Foto der Lösung auf WhatsApp schicken. Vor Schulbeginn und in den Pausen ist ja auch Zeit, um noch schnell abzuschreiben. Außerdem sind viele Schüler häufig lange mit Bus und Bahn unterwegs, wo man genug Zeit hat, fehlende Hausaufgaben „nachzuholen“ . Auch in diesen Fällen ist dann der Übungseffekt letztlich nicht gegeben, denn eigentlich sollte man sich alleine zu Hause mit etwas auseinandersetzen.

Digitale Medien

Je digitaler das Umfeld, desto einfacher, denn abschreiben ist dann gar nicht mehr nötig. Ich hatte schon Fälle in iPad-Klassen, wo ein Schüler eine Aufgabe erledigt hatte und diese dann an Mitschüler schickte. Dann heißt es natürlich, das sei Partnerarbeit gewesen („Das haben wir zusammen gemacht, ehrlich!“). Wer das ein bisschen professioneller machen will, ändert noch schnell das Layout, und schon ist es zumindest auf den ersten Blick eine andere Lösung. Deshalb lese ich übrigens immer mindestens den ersten Satz, dann fallen solche „Partnerarbeiten“ sofort auf.

Die Lösungen für das Buch, das wir zuvor in GGK verwendet hatten, sind als PDF-Datei online.

Ähnlich wie Hilfe oder Zusammenarbeit mit anderen spielt auch das Internet eine große Rolle. Heute ist es einfacher als je zuvor, Lösungen zu finden und zu vervielfältigen. Referate und Aufsätze sind besonders beliebt, es gibt immerhin unzählige Webseiten, die damit sogar Geld verdienen. Selbst die Verlage können ein Problem sein: Ich hatte schon den Fall, dass die Lösungen zu den Aufgaben im Schulbuch einfach als PDF-Dateien vom Verlag hochgeladen wurden und man diese mit Google finden konnte. Auch andere Lösungsbücher kann man manchmal ganz einfach finden.

Aufsätze und Referate als Hausaufgabe sind daher vielleicht höchstens in Fremdsprachen machbar, wenn es weniger um Inhalte und mehr um die individuelle sprachliche Kompetenz geht. Problematisch wird es dann, wenn ich Hausaufgaben benoten möchte: Wie soll diese Note ehrlich sein, wenn es doch so viele „Mitwirkende“ gibt?

Die Zeit

Der größte Grund, der eher gegen Hausaufgaben spricht, ist Zeit. Bereits in den genannten Beispielen kommen zeitliche Faktoren vor: Hausaufgaben sollen eigentlich als Übung dienen, damit die Schüler bis zur nächsten Stunde nicht vergessen, was sie zuvor gelernt haben („Wie ging das noch mal? Ich weiß nicht mehr, das war so lange her!“). Werden die Aufgaben sofort erledigt, ist der Abstand zur nächsten Stunde zu groß und es funktioniert nicht. Werden sie vor Stundenbeginn in der Pause abgeschrieben, ist der Abstand zu gering und es funktioniert auch nicht. Machen die Eltern die Hausaufgaben, dann hat es sowieso keinen Sinn. Wie hoch ist also die Chance, dass die Schüler eigenständig zum richtigen Zeitpunkt und intrinsisch motiviert die Hausaufgaben erledigen?

Doch auch für mich als Lehrer kosten Hausaufgaben Zeit. Zunächst muss ich überlegen, welche Aufgaben für zu Hause geeignet sind: Können Schüler das alleine? Ist der zeitliche Umfang angemessen? Besteht die Gefahr, dass sie die Lösung zu schnell einfach online finden? Auch im Unterricht kostet es Zeit. Wenn ich nur 45 Minuten Unterricht habe und in der Zeit noch die Hausaufgaben besprechen und etwaige Fragen dazu klären soll, dann ist kaum noch Zeit für neuen Stoff. Die Folge: Die eigentlichen Übungsaufgaben, die ich im Unterricht machen wollte, werden als Hausaufgabe ausgelagert. Und so geht es dann ewig weiter.

Ein anderer Faktor sind Unterrichtszeit und Stundenplan. Schule ist heute schnelllebiger als 1983. Nachmittagsunterricht ist häufig die Regel, nicht die Ausnahme. Selbst Grundschulen bieten Ganztagsbetreuung an. Wenn jetzt noch Aufgaben für zu Hause dazukommen, wann hat das Kind die nötige Freizeit? Überforderung führt zu Frust und verhindert dadurch Lernerfolge.

Fazit: Wie man verzichten kann

Mittlerweile gebe ich selten Hausaufgaben auf. Ich plane nie welche ein, und das wissen meine Schüler. Wenn es doch Aufgaben für zu Hause gibt, dann sind wir im Unterricht nicht weit genug gekommen, was dann auch gleich ein Signal für die Schüler ist: Heute lief es vielleicht nicht so gut, aber wenn wir uns nächstes Mal mehr anstrengen, gibt es keine Hausaufgaben. Das kann man ruhig offen kommunizieren. Vielleicht spornt das den einen oder anderen dazu an, den Unterricht voranzutreiben statt alle zwei Minuten zu schauen, ob der heimliche Schwarm was Neues auf Insta gepostet hat.

Ich vermisse Hausaufgaben jedenfalls nicht. Das ständige Kontrollieren und Aufschreiben, wenn jemand die Aufgaben vergessen hat, kostet unnötig Zeit und steht in keinem sinnvollen Kosten-Nutzen-Verhältnis. Man sollte also immer gut überlegen, ob die angedachte Hausaufgabe wirklich notwendig ist. Am besten stellt man sich die ehrliche Frage: Was, wenn ich es nicht aufgebe? Ändert das etwas in meinem langfristigen Plan? Wenn man ehrlich ist, dann ist die Antwort wahrscheinlich häufiger, als man es wahrhaben möchte: Nein.

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