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Happy Birthday, Deutsches Reich! – oder lieber nicht?

Heute vor 150 Jahren wurde Wilhelm I. zum Kaiser des Deutschen Reiches proklamiert. Ein Grund zu feiern – oder ist das irgendwie „rechts“?

„Deutsches Reich“: Viele denken da wahrscheinlich sofort an Nationalsozialismus und an Hitler. Sein „Drittes Reich“ hieß ebenfalls „Deutsches Reich“, auch wenn es schon nicht mehr das Kaiserreich war. Das Problem ist, dass wir eben schon wissen, wie die Geschichte weiterlief, und mit dem Rückblick von zwei Weltkriegen auf die Ereignisse von 1871 schauen, als das Reich gegründet wurde. Das ist aber ebenso problematisch wie die völlige Verklärung der Kaiserzeit. Wir brauchen ein gesundes Verhältnis zur deutschen Geschichte, das sich verabschiedet vom simplen Dualismus einer „bösen“ Vergangenheit und einer „guten“ BRD.

Der Reichstag: Gebaut im Kaiserreich für das erste gesamtdeutsche Parlament – und heute noch dessen Sitz.

Pünktlich zum „Geburtstag“ des deutschen Staates gibt es auch Veröffentlichungen, die genau das versuchen. Hier ein paar Beispiele, die von der Bundeszentrale für politische Bildung stammen:

Es ist natürlich richtig, Nationalismus zu kritisieren und zu problematisieren. Im Lexikon pocket politik ist er definiert als „übersteigertes Bewusstsein vom Wert und der Bedeutung der eigenen Nation“, er glorifiziere „die eigene Nation und setzt andere Nationen herab.“ Blanker Nationalismus ist also nie eine gute Idee – erst recht nicht in der globalisierten Welt des 21. Jahrhunderts, wo die Krisen immer größer werden und Einzelstaaten schnell an Grenzen kommen. Ob Klimawandel oder Corona-Pandemie: ein Staat alleine kann hier nichts bewirken. (Mit dem Thema Nationalismus/Patriotismus hatte ich mich übrigens schon früher beschäftigt.)

Krieg als Geburtsstunde – ein Makel?

Andererseits ist es aber auch übertrieben, jede positive Erwähnung des Kaiserreiches sofort als eben „nationalistisch“ abzutun und so die kritische Auseinandersetzung im Keim zu ersticken. Man kann sehr wohl die Gründung des deutschen Staates positiv betrachten, ohne gleichzeitig die vorangegangenen Kriege verherrlichen zu müssen. Überhaupt ist die Frage merkwürdig: Gab es denn in der Geschichte zuvor jemals nennenswerte Reichsgründungen, die ohne Kriege herbeigeführt wurden? Wenn ein Reich z.B. durch Expansion entsteht, dann muss es notgedrungen kriegerische Eroberungen gegeben haben. Aber auch ein Bürgerkrieg kann ein Gründungsmythos sein, wie z.B. in den USA. (Übrigens: Dessen Spätfolgen kann man heute noch sehen, wenn Verschwörungsschwurbler von einem neuen Bürgerkrieg schwadronieren, während sie mit Konföderiertenflaggen das Kapitol stürmen.)

Was ich damit sagen will: Kontext ist wichtig. Historische Ereignisse kann man nicht isoliert betrachten und schon gar nicht bewerten. Wer 1871 begeistert in den Krieg zog, lebte in einer völlig anderen Welt als die Wehrmachtsoldaten des Zweiten Weltkrieges; und mit heute lässt sich das erst recht nicht mehr vergleichen. Historisch denken heißt also, in langfristigen Kausalitäten zu denken. Ich sage meinen Schüler*innen immer, die wichtigste Frage in Geschichte ist nicht wann, sondern warum (und vielleicht noch wie).

Bildung: Mangelndes Hintergrundwissen

Apropos Schule: Das Kaiserreich wurde und wird noch viel zu oft im Geschichtsunterricht sträflich vernachlässigt. Während man in anderen Ländern stolz auf Traditionen im 18. oder 19. Jahrhundert verweist – oder gar noch die Monarchie bewahrt hat, um Tradition zu personifizieren, so belassen wir es beim 19. Jahrhundert bei einem Fokus auf Vormärz und Revolution von 1848, während das Kaiserreich lediglich als Prolog für die Weltkriege und Hitlers Diktatur herhalten muss.

Dass dies ein zu engstirniger Blick auf Geschichte ist, wird mittlerweile zum Glück wertgeschätzt. Ich bin froh, dass in dieser Hinsicht auch endlich (!) der Bildungsplan geändert wurde, der mich am häufigsten betrifft. Ab kommendem Schuljahr gibt es diesen Themenblock in der Eingangsklasse (11. Klasse) des Beruflichen Gymnasiums:

Auszug aus dem neuen Bildungsplan Geschichte mit Gemeinschaftskunde, Berufliches Gymnasium BW.

Fazit

In den letzten Jahren und Jahrzehnten hat es zurecht viel Forschung zum Kaiserreich gegeben. Es ist zudem erfreulich, wenn Historiker*innen wie Hedwig Richter sich immer wieder öffentlich äußern, auch zu diesem Thema, um das Bewusstsein für historische Prozesse und Zusammenhänge zu schärfen:

Das ist auch dringend nötig, nicht zuletzt, um auch Nationalisten und Verschwörungsschwurblern das Wasser abzugraben. Wir dürfen die Deutungshoheit über die Geschichte nicht den Extremisten überlassen, egal welcher Couleur. Weder war die Kaiserzeit ein Segen für alle Deutschen, noch war es ein rückständiger Unrechtsstaat, der nur als Kulisse für Kriegstreiberei diente.

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